Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Freitag, 19. Mai 2017

Rezension: Geständnisse (Kanae Minato)



(Foto: ©Ayako Shimobayashi)




Japan 2008

Geständnisse
Originaltitel: Kokuhaku
Autorin: Kanae Minato
Verlag: C. Bertelsmann
Übersetzung: Sabine Lohmann nach einer englischen Übersetzung von Stephen Snyder
Veröffentlichung: 27.03.2017 beim C. Bertelsmann Verlag
Genre: Gesellschaftsdrama, Mystery-Thriller (Iyamisu)



"Ich frage mich, was für ein Bild die Leute sich wohl von dieser Lunacy machen. Überlegt mal, würde eine schöne junge Frau sich freiwillig als unzurechnungsfähig bezeichnen? Wenn man von Gesetzes wegen keine Bilder von jugendlichen Mördern veröffentlichen darf, warum dann die Leute dazu verleiten, sich jemand Hübsches vorzustellen? Besser, man würde stattdessen ein fingiertes Bild von der Person unter die Leute bringen, ein Foto von einer bösartig grinsenden Verrückten. Warum denn nicht zeigen, was für eine Sorte Mensch so jemand ist? Wenn wir sie stattdessen in Watte packen und jede Menge Aufhebens um sie veranstalten, bestärken wir sie dann nicht noch in ihrem Narzissmus? Und werden sich dann nicht noch mehr törichte Kinder dazu angeregt fühlen, sie zu verehren? Und vor allem, wenn ein Kind ein derartiges Verbrechen begeht, obliegt es dann nicht den Erwachsenen, so diskret wie möglich damit umzugehen und dem Verbrecher die Schwere seines Vergehens unmissverständlich klar zu machen? Diese Lunacy wird ein paar Jahre in irgendeiner Erziehungsanstalt verbringen, vielleicht irgendeine Art von Abbitte verfassen, und dann zurück in die Gesellschaft entlassen werden, sehr wohl wissend, dass sie als Mörderin straffrei davongekommen ist."
(Geständnisse: Kanae Minato. Verlag: C. Bertlesmann. Übersetzung: Sabine Lohmann)



Die grundlegende Frage, die im Vorfeld geklärt werden muss: Wer hat sich denn nun verspätet? Die deutsche Übersetzung zu Kanae Minatos "Kokuhaku", oder meine Besprechung zur hier präsentierten Ausgabe? Nun, ich bin mal so bescheiden und markiere hier ein Unentschieden. Diese leicht sarkastische Bemerkung ist hier natürlich nicht an den Verlag gerichtet, sondern an die deutsche Leserschaft, die über die Jahre hinweg von "Autoren" wie Fitzek, Tsokos und Co. durch Krimis vom Fließband literarisch beschallt wurde. Ein Roman wie "Geständnisse" wird an vielen Lesern wohl vorbeirauschen, was überaus schade ist. Zum einen, weil es ein Verlust für jeden Fan spannender Literatur ist, zum anderen aber auch, weil die geringe Beachtung solcher Titel dafür sorgt, das die Verlage sich von der japanischen Literatur noch weiter distanzieren. Im Fall von Geständnisse, so scheint der C. Bertelsmann Verlag hier aber wohl doch einen Treffer gelandet zu haben. Der Roman kam bei sämtlichen Kritikern gut an und fand selbst eine besondere Erwähnung in der Sendung "Druckfrisch" von Literaturkritiker Denis Scheck.

Obwohl Leser meines Blogs meine ausufernden Abschnitte über den Inhalt eines Buches so langsam kennen dürften, so werde ich diesen Teil aber diesmal bewusst verkürzen. Einen Roman wie Geständnisse sollte man völlig unvoreingenommen angehen. Es reicht völlig aus, sich die kurze Inhaltsangabe auf der Rückseite des Schutzumschlages der deutschen Ausgabe durchzulesen. Meiden sollte man dafür die ausführliche Inhaltsangabe, die auf der Innenseite des Schutzumschlages zu finden ist, sobald man den Buchdeckel öffnet. Genau das dürfte auch die Intention der Autorin sein. Der Leser soll sich zurücklehnen, sich in Sicherheit wiegen und sich von der Autorin führen lassen. Bis zur ersten Offenbarung braucht Kanae Minato etwas über 20 Seiten, von da an nimmt die entspannte Unterrichtsstunde eine unerwartete Wendung und driftet förmlich in einen furchtbaren Alptraum ab.

Geständnisse hält sich nicht mit einem ausufernden Prolog auf, sondern führt direkt zum Kern der Geschichte. Anfangs wird der Leser noch sehr verdutzt sein. Die Eröffnung liest sich wie der Monolog einer Person, die am Rande des Wahnsinn ist und Selbstgespräche führt. Es gibt keine Wörtliche Rede oder andere, zigfach durchgekaute Stilmittel dieses Genres. Genau das macht die Eröffnung von Geständnisse so einzigartig. Schon auf den ersten Seiten wird der Leser mit Yuko Moriguchi konfrontiert, einer Lehrerin, die ihrer Klasse einen letzten Vortrag hält, weil sie anschließend ihren Beruf als Lehrkraft aufgeben wird. Schnell wird klar, dass Moriguchi hier keinen gewöhnlichen Vortrag hält. Man wird die Frau als altklug und unterkühlt ansehen, als eine Lehrerin, die ihre Schüler ihre gesamte Laufbahn eigentlich immer nur als Belastung ansah. Je weiter der Vortrag aber geht, umso mehr wird auch der Leser wissen, dass hier weder Moriguchi, noch aber die Schüler diese Geschichte unbeschadet überstehen werden.

Die Gesellschaftskritik in Geständnisse wird sehr schnell deutlich. Auch wenn hier sehr speziell typisch japanische Probleme (Schulsystem, Jugendstrafrecht etc.) im Mittelpunkt stehen, so sollten auch westliche Leser keine all zu großen Probleme haben, die hier geschilderte Gesellschaftskritik nachvollziehen zu können. Es sind auch, rund 9 Jahre nachdem der Roman in Japan erschienen ist, noch immer aktuelle Themen. Kanae Minato schreckt hier auch nicht zurück, Taten auf wahren Begebenheiten in ihre Geschichte mit einzuweben. Das prominenteste Beispiel sind hier wohl die bizarren Morde von Kobe aus dem  Jahr 1997, wo ein damals 14 jähriger Schüler (in der Öffentlichkeit nur als "Junge A" bekannt) einer Junior High School zwei Grundschüler auf bestialische art und weise ermordet hat. Dieser Fall sorgte in Japan dafür, dass das Jugendstrafrecht im Jahr 2001 von 16 auf 14 gefallen ist und noch einige andere gesellschaftliche Revisionen mit sich führte (einige Jahre später erhielten auch Videospiele in Japan vorgeschriebene, strenge Altersfreigaben, die auch heute noch nicht gelockert sind).

Gerne wird Geständnisse mit "Gone Girl" von "Gillian Flynn" verglichen. So heißt es, Geständnisse sei die japanische Antwort auf Gone Girl. Nicht nur ist Gone Girl aber rund 4 Jahre später erschienen, auch thematisch haben beide Werke, ausgenommen einiger Parallelen rund um die drastischen Beschreibungen einiger Passagen sowie die vielen unerwarteten Wendungen, absolut nichts gemeinsam. Ich fand Gone Girl, zu meiner Überraschung, ziemlich gelungen und kann interessierten Lesern nur raten, beide Werke nicht miteinander zu vergleichen. Viel mehr schlägt Geständnisse eher in eine Kerbe wie Battle Royale. Mag der Vergleich anfangs kurios wirken, so werden die Gemeinsamkeiten im laufe der Geschichte deutlich.

Im Jahr 2010 verfilmte der japanische Regisseur Tetsuya Nakashima, geprägt von seinem Stil, äußerst erfolgreich den Roman von Kanae Minato. Ich muss sogar gestehen, die großartige Eröffnung von Geständnisse erzielt im Film durch die geniale Inszenierung eine sogar noch größere Wirkung. Man kann sagen, Nakashima ist dem Roman relativ treu gefolgt. So treu gefolgt, wie es bei über 100 Minuten Spielzeit möglich ist. Der Roman glänzt jedoch von großartig beschriebenen Charakteren und, ganz besonders, die Entwicklung der Charaktere. Etwas, was in einer Filmadaption meistens, wenn nicht sogar immer, den Kürzeren zieht. Der Roman erscheint in der Gesamtwertung logischer, runder und vollkommener. Dies darf aber in keinster weise die gelungene Adaption von Nakashima abwerten. Ich empfehle jedoch, da man nun endlich die Möglichkeit zur Auswahl hat, das Buch zu lesen bevor man den Film schaut.

Jetzt folgt noch ein kurzer Abschnitt, der mir dann doch sehr am Herzen lag. Die Übersetzung. In meiner Vorschau zu Geständnisse habe ich bereits im Vorfeld kritisiert, die hier vorliegende deutsche Übersetzung von Sabine Lohmann basiert auf einer englischen Übersetzung von Stephen Snyder des Mulholland Verlags. Gründe, wieso man sich hier gegen eine Übersetzung aus dem Japanischen entschieden hat, gibt es viele. Der Hauptgrund werden wohl die zusätzlichen Kosten gewesen sein. Dafür steht jedoch für eine Hardcover-Ausgabe ein attraktiver Preis von 16,99 Euro als Pro-Argument im Raum. Wichtig ist jedoch, ob die deutsche Übersetzung gut lesbar ist. Und genau dies ist hier der Fall. Die Übersetzung liest sich absolut flüssig, die Auswahl der Begriffe ist ebenfalls optimal gewählt. Als Referenz fehlt mir natürlich hier die japanische Ausgabe (die ich an sich nicht beurteilen könnte), aber auch die englische Ausgabe hielt ich noch nie in den Händen (wobei ich mir hier eine Leseprobe hätte zusenden lassen können, was ich aber, ebenfalls bewusst, nicht getan habe, um am Ende nicht voreingenommen zu wirken, wenn ich die deutsche Übersetzung lese). Auch wenn ich, und daran wird sich nichts ändern, immer eine Übersetzung aus der ursprünglichen Sprache vorziehe, an der Übersetzung von Sabine Lohmann gibt es nichts auszusetzen, dementsprechend sehe ich hier aktuell keinen Verlust in der gesamten Qualität der Übersetzung.




Resümee

Geständnisse gehört sicherlich mit zu den einflussreichsten japanischen Romane der vergangenen 10 Jahre. Nun kommen auch endlich deutsche Leser in den Genuss dieses starken Romans einer hierzulande unbekannten, jungen Autorin. Geständnisse war als Film schon bildgewaltig, aber auch die Romanvorlage muss sich hier absolut nicht verstecken. Bitterböse Gesellschaftskritik trifft Mystery-Thriller. Ein frisches, unverbrauchtes Gesamtpaket. Man sollte dieses Buch luftdicht versiegeln, damit uns diese Frische auch noch über Jahre erhalten bleibt, die sonst einmal mehr von der endlos langweiligen Monotonie der Massenware zurückgedrängt wird.

Sonntag, 7. Mai 2017

Tag 7 Review: Shin Godzilla






Japan 2016

Shin Godzilla
Originaltitel: Shin Gojira
Regie: Hideaki Anno, Shinji Higuchi
Drehbuch: Hideaki Anno
Darsteller: Hiroki Hasegawa, Yutaka Takenouchi, Satomi Ishihara, Ren Osugi, Shinya Tsukamoto, Jun Kunimura
Laufzeit: Circa 120 Minuten
Genre: Kaiju, Katastrophenfilm, Satire
Verleih: Splendid
Premiere (Deutschland): 03.05.17 - 05.05.17 (limitiertes Kino-Event)
FSK: Ab 12



Wirft man die Namen einfach lose in die Runde, so scheint es zwischen dem grünen Kult-Monster Godzilla und Evangelion-Schöpfer Hideaki Anno nicht viele Gemeinsamkeiten zu geben (wobei ich nicht ausschließen würde, dass Anno dazu in der Lage ist, einen hochkonzentrierten Energiestrahl abzufeuern). Geht man aber etwas mehr ins Detail, fallen schnell zwei Gemeinsamkeiten auf. Sowohl Godzilla als auch Anno haben in ihren Bereichen Geschichte geschrieben. Das Filmstudio Toho verdiente Millionen mit Godzilla, Anno hingegen revolutionierte mit seiner Anime-Dystopie Neon Genesis Evangelion (Shin Seiki Evangelion) dieses Genre für immer. Während Godzillas erster Auftritt bereits über 60 Jahre zurückliegt, so gehört Evangelion aus dem Jahr 1995 (und noch immer steht ein finaler Kinofilm aus) zur modernen Popkultur. In den vergangenen Jahren ist es jedoch ruhig geworden, sowohl um Godzilla, als aber auch Hideaki Anno. Immer wieder bestätigt Anno, wie sehr ihm die Produktion an neuen Filmen aus dem Evangelion-Universum zusetzen und er mental regelrecht ausgemergelt ist, jedoch häufig Trost und Ruhe von seiner Frau erfährt. Die beiden Giganten schwächelten ein wenig und es liegt eine harte Zeit hinter den beiden Kultfiguren. Zeit für ein Reboot? Ein Reboot für Godzilla und Anno? Gar nicht mal so eine schlechte Idee, wird sich auch Toho gedacht haben.




Toho verkündete es damals selbst, mit Godzilla - Final Wars (Regie: Ryuhei Kitamura) sollte 2004 das riesige Monster in Rente gehen. Danach würde nichts mehr kommen. Mit Legendary Pictures erlangte erstmals seit dem Emmerich-Fiasko aus dem Jahr 1998 ein ausländisches Studio die Godzilla-Lizenz von Toho. Gareth Edwards (Rogue One) kreierte 2014 ein Teil-Reboot, was irgendwo zwischen Fortsetzung des Ur-Godzillas und Neuinterpretation pendelte. Trotz einer Überlänge und einer eher geringen Screentime von Godzilla selbst, wurde der Film von Kritikern und Fans akzeptiert und auch gelobt, an den Kinokassen war er sogar ein großer Erfolg. Dieser Erfolg imponierte Toho so sehr, dass sie es selbst noch einmal wissen wollten und planten mit "Shin Gojira" ein komplettes Reboot des Franchise. Man setzte alle Uhren auf 0 und das einzige, was den Produzenten zu einem erfolgreichen Reboot des Franchise verhelfen würde, war ein Regisseur, der sich nicht nur mit der Materie auskennt, wie man Tokyio filmisch in seine Einzelteile zerlegt, sondern auch das richtige Händchen dafür hat, so eine fiktionale Katastrophe gekonnt in Szene zu setzen. Es war beinahe eine logische Schlussfolgerung, dass die Wahl nur auf Hideaki Anno fallen konnte.

Anno jedoch für das Projekt zu gewinnen war nicht einfach. Seine Fans warten seit Jahren sehnsüchtigst auf den Abschluss der Evangelion Kinofilm-Saga. Ein vierter und letzter Film fehlt noch, genau den wollte Anno fertigstellen, bevor er mit dem Thema abschließen könne. Während Anno selbst skeptisch war, konnten die Produzenten bei Toho jedoch den ein oder anderen Mann aus Annos Team für das Godzilla-Reboot gewinnen. Die Überzeugungskräfte von Annos langjährigen Weggefährten war am Ende aber zu groß, um diesem Projekt eine Absage zu erteilen.

Die Marschrute für Shin Godzilla war schnell klar. Man musste erst einmal dem neuen Titel gerecht werden. Das Wort "Shin" kann in der japanischen Sprache vielseitig genutzt werden. Allen voran steht es für "Neu",  kann aber auch für "Echt" stehen. Je nachdem, mit welchem Kanji man das Wort schreibt, erhält man meistens einen Begriff, der zutreffend für Shin Godzilla ist. Oberste Priorität war es, alles auf Anfang zurückzusetzen und dabei das Original aus dem Jahr 1954 zu ignorieren (obwohl man es mit Fortsetzungen und Chronologie an sich nie wirklich genau genommen hat, der 1954 Film war aber meistens stets der Ausgangspunkt). Die Essenz des Originals durfte aber nicht verloren gehen. Der US-Godzilla aus dem Jahr 2014 hat es vorgemacht, Godzilla ist nicht das nette Monster aus der Nachbarschaft. Godzilla muss in erster Linie ein zerstörungswütiger Gigant sein, der nahezu unverwundbar ist. Doch der Titel "Shin" würde keinen Sinn ergeben, wenn wir es hier mit dem gleichem Godzilla zu tun hätten, der schon so oft Städte den Erdboden gleichgemacht hat. Der "Shin Godzilla" ist anders. Er verfügt über Metamorphosen. Jede einzelne Metamorphose macht das Monster noch mächtiger und praktisch unverwundbar. Dem Monster diesen Twist zu verleihen, das war etwas, wozu praktisch nur Hideaki Anno fähig war. Fans von Neon Genesis Evangelion werden hier unglaublich viele Gemeinsamkeiten mit den Engeln wiederfinden und dein ein oder anderen "Aha-Effekt" erleben.

Doch was geschieht abseits von Godzillas neuen Fähigkeiten? Erst einmal, Godzilla hat relativ viel Screentime in Shin Godzilla. Auch wenn ich nun nicht mit der Stoppuhr im Kino saß, so kommt jeder Fan des Monsters auf seine Kosten. Anno, der auch das Drehbuch geschrieben hat, trennte sich noch von einigen Nebenhandlungen wie einem Familiendrama und einer Liebesgeschichte. In Shin Godzilla gibt es keinen furchtlosen Held oder Wissenschaftler, der sich zum Wohl des Landes opfert, hier ist gleich die ganze japanische Regierung Godzillas neuer Gegner. Politiker und Bürokraten gegen die gigantische Riesenechse. Ein aussichtsloser Kampf? Da will ich nicht zu viel verraten. Doch hier kommen wieder Annos Stärken ins Spiel. Gesellschaftskritik und Satire. Der Film wandelt auf einem schmalen Grad zwischen Katastrophenfilm und Satire. In einer Szene lacht man noch über den Premierminister (übrigens großartig verkörpert von Ren Osugi), in der nächsten Szene passiert wiederum ein großes Unglück. Ein klarer Wink an das 2011 Erdbeben in der Tohoku-Region, welches einen verheerenden Tsunami mit sich führte und zu einer Kernschmelze im Kernkraftwerk von Fukushima führte. Der Film spricht die Katastrophen nicht direkt an, allerdings ist es unschwer zu erkennen, woran sich der Film orientiert.




Anders als noch im Jahr 1954, so hat sich auch die Technik der japanischen Filmkunst wesentlich gesteigert. Man weiß nun besser, geschickter mit CGI umzugehen. Was das für Shin Godzilla bedeutet? In den meisten Szenen können die Computereffekte auf ganzer Linie überzeugen. Hier und da gibt es aber auch mal die ein oder andere Szene, wo die Effekte relativ billig wirken können. Allerdings dürfte das für viele Godzilla-Fans ein Aspekt sein, den man eher als interessant statt negativ bewertet. So ist es wenig überraschend, auch der Shin Godzilla besteht komplett aus CGI, auch wenn man manchmal immer noch das Gefühl hat, hier könnte ein Schauspieler unter einem Latexkostüm stecken. Dieser Look war jedoch so gewollt. Ist Godzilla erst einmal am wüten, so sind dabei einige wundervolle Effekte entstanden, die beweisen, dass das Konzept vollends aufgegangen ist. Untermalt werden diese Szenen oftmals mit dem original Godzilla-Theme von Akira Ifukube. Und was die Evangelion-Fans angeht, bei der Musik könnt ihr erneut eure Finger reiben, denn da wird es noch eine kleine Überraschung geben.

Mit einer Laufzeit von 2 Stunden haftet auch Shin Godzilla eine leichte Überlänge an. Anders als bei der 2014 US-Version schafft Shin Godzilla es aber, den Leerlauf besser zu kompensieren. Und das ohne einen festen Cast an Protagonisten. Bei Shin Godzilla ist es das gesamte Kollektiv, was hier auch außerhalb der actionreichen Szenen noch für Unterhaltung sorgt. Es sei jedoch gesagt, die politische Natur ist dem Film nicht von der Hand zu weisen. Auch sollte man mit dem Thema Japan - Kultur, Politik und Popkultur schon vertraut sein, um besonders die Szenen mit satirischen Hintergründen unbeschwert genießen zu können. Leider lief die Version mit O-Ton nur ein paar Tage später zu einer grausamen Uhrzeit, von daher kann ich hier nur über die deutsche Vertonung reden. Doch hier hat Splendid gute Arbeit geleistet und recht interessante Sprecher gewählt, was immer mehr zu einer Seltenheit bei japanischen Filmen wird. Der Humor kommt durchaus auch in der deutschen Vertonung nicht zu kurz.

Schauspielerisch findet man neben routinierten Darstellern wie Ren Osugi und Jun Kunimura auch eine menge noch recht junger Darsteller, die, auch das ist eine kleine Überraschung, bereits in der Live-Action Verfilmung von Attack on Titan mitgespielt haben. Als zweiter Regisseur war hier ebenfalls noch Shinji Higuchi tätig, der für die ziemlich verunglückte Adaption von Attack on Titan als alleiniger Regisseur verantwortlich war. Auch gibt es noch viele interessante Cameo-Auftritte in Shin Godzilla, insgesamt 6 bekannte japanische Regisseure sind hier zu finden. Für westliche Zuschauer wird wohl die Rolle von Shinya Tsukamoto (Tetsuo) am relevantesten sein.




Resümee

Mit minimalen Schönheitsfehlern steuert Shin Godzilla beinahe die Höchstwertung in meinem Ranking zu. Hideaki Anno liefert hier nach vielen Jahren mal wieder einen relevanten Kinofilm aus Japan ab. Vielleicht sogar einen der relevantesten Filme seit Kinji Fukasakus Filmadaption zu Battle Royale aus dem Jahr 2000. Fans von Godzilla und Anno werden sowieso auf ihre Kosten kommen, aber Shin Godzilla besitzt auch die Fähigkeit, Leute mitzureißen, die mit dem japanischen "Kaiju-Genre" (Monsterfilme) relativ wenig zu tun haben. Die Themen im Film sind aktuell und mit feinem Humor teilweise herrlich überspitzt. Im Kern bleibt aber Shin Godzilla das, was er schon immer war, ohne seinen Charme einbüßen zu müssen. Ein gigantischer Katastrophenfilm, sowohl hinter als auch vor der Kamera exzellent besetzt. Splendid gebührt hier noch der Dank, dass sie den limitierten Release in deutschen und einigen österreichischen Kinos möglich gemacht haben. Hoffen wir mal, dass das Projekt anklang fand. Der Heimkino-Release wird bereits voller Sehnsucht erwartet.

Sonntag, 30. April 2017

Tag 7 Review: Ghost in the Shell





USA 2017

Ghost in the Shell
Regie: Rupert Sanders
Vorlage: Shirow Masamune
Darsteller: Scarlett Johansson, Pilou Asbæk, Takeshi Kitano, Juliette Binoche, Michael Pitt
Laufzeit: Circa 107 Minuten
Genre: Science Fiction, Cyberpunk
Verleih: Paramount Pictures
Premiere: 30 März 2017
FSK: Ab 16




In Zeiten von IMDb, Metacritic und Rotten Tomatoes haben es Filme bereits im Vorfeld nicht einfach. Schuld daran sind weniger die Seiten mit ihrem Konzept an sich als viel mehr ihre toxischen Communities, die nicht selten über Erfolg oder Niedergang eines Blockbusters mit entscheiden. Erst kürzlich hat die IMDb eine Revision präsentiert, bei der die Foren-Einträge der Benutzer komplett von den Seiten der Filmeinträge entfernt wurden. Ein kleiner, aber wichtiger Schritt um den immer giftiger werdenden Communities vorzubeugen. Bei all dem Gift, was versprüht wird, so war es dann am Ende auch nicht verwunderlich. dass die Allgemeinheit im Netz vorab weniger über die erste Ghost in the Shell Live-Action Adaption gesprochen hat, als viel mehr über Scarlett Johanssons Frisur und der neu entflammten "Whitewashing-Affäre".

Abseits der üblichen Diskussionen im Netz standen aber andere, wesentlich wichtigere Punkte im Mittelpunkt, die betreffen natürlich die Adaption an sich. Keine Frage, Mamoru Oshii's Anime-Adaption aus dem Jahr 1995 zu Shirow Masamunes Manga war wegbereitend für die japanische Animationskunst im Westen. Bereits in den 90ern kannte das westliche Publikum zwar das Studio Ghibli, aber einem Hayao Miyazaki fehlte damals außerhalb Japans einfach noch jener Einfluss, seine Filme einem reiferem Publikum zugänglich zu machen. Mamoru Oshii gelang mit seinem düsteren Cyberpunk-Ansatz jedoch genau dieser Schritt. Ghost in the Shell, eine humorlose und wesentlich ernstere Variante als Masamunes Originalvorlage, profitierte seinerzeit natürlich auch von dem Erfolg, den Terminator 2 einige Jahre zuvor weltweit feierte. Hollywood wurde, ganz überraschend, auf einen japanischen Zeichentrickfilm aufmerksam, der aber ausschließlich für ältere Zuschauer entwickelt wurde. So blieben die Lobpreisungen von James Cameron persönlich nicht aus. Man könnte sagen, es war die angenehme Konsequenz dieses Erfolges.

Die Jahre verstrichen, Oshii lieferte 2004 eine großartige Spielfilm-Fortsetzung zum Original ab (Innocence) und auch im Bereich der animierten TV-Serien startete mit Stand Alone Complex das Ghost in the Shell Franchise durch und feierte 2 hochgelobte Staffeln. Neben den Erfolgen gab es über die vielen Jahren immer wieder Gerüchte und Konzepte zu einer Hollywood-Verfilmung des Franchise. Zahlreiche Regisseure wurden genannt (darunter auch Cameron selbst) und noch wesentlich mehr Studios kamen ins Gespräch, die angeblich eine Verfilmung planten. Am Ende dieser langen Reise dauerte es dann 22 Jahre, bis eben jene Hollywood-Verfilmung realisiert wurde.

Eine Kollaboration zwischen Dream Works und Paramount als Studios, Avi Arad als Produzent und Scarlett Johansson als beinahe schon völlig logische Auswahl für die Rolle des Majors. Das der Brite Rupert Sanders jedoch als Regisseur auserkoren wurde, war die viel größere, ja, vielleicht sogar die einzige Überraschung. In seiner Vita hat Sanders nichts nennenswertes bis auf "Snow White and the Huntsman" vorzuweisen. Überhaupt muss man schon zu den optimistischeren Filmfans gehören, jenen "Show White and the Huntsman" als Bewerbung für ein ambitioniertes Projekt wie Ghost in he Shell zu nennen. Ob Sanders die erste Wahl war, darüber kann ich persönlich nur mutmaßen. Gibt es mit Regisseuren wie Villeneuve (Arrival), Johnson (Looper) und Garland (Ex Machina) doch Leute, die im Science Fiction Genre in den letzten Jahren für eine kleine Renaissance gesorgt haben. Schaut man sich aber nur einmal an, wie beschäftigt diese Leute sind, war wohl relativ schnell klar, dass man diese Herren wohl nicht für das Projekt wird gewinnen können (Villeneuve arbeitet aktuell an Blade Runner 2, Johnson an Star Wars: Episode VIII).

Rückblickend auf den gesamten Film hat sich Rupert Sanders hier aber nicht als Notlösung gezeigt, sondern als ein unglaublich fähiger Regisseur mit einer festen Vision. Bereits die ersten Trailer im letzten Jahr haben gezeigt, dass die Crew weiß, wie man mit CGI umzugehen hat um ein ansprechendes Sci-Fi Setting zu erschaffen. Filmisch, aber auch inhaltlich, macht, den Vorab-Kritikern zum Trotze, die westliche Ghost in the Shell Adaption eine menge richtig. Natürlich muss man immer wieder bedenken, dass der Film, und da machen weder Sanders noch das Drehbuch ein großes Geheimnis draus, auf Unterhaltung ausgelegt ist um ein möglichst breites Publikum zu unterhalten. Ein Beweis dafür ist die zahme PG-13 Freigabe, die sich aber eher als Borderline PG-13 entpuppt und keine Verharmlosungen zelebriert, wie es zum Beispiel Suicide Squad tut. Die Entfernung des synthetischen Cyborg-Blutes dürfte den Film wohl in letzter Instanz vor einem R-Rating bewahrt haben.

Bereits zu Beginn des Filmes und seinem furiosem Auftakt bekommt man einen Vorgeschmack auf die hoch entwickelten Technologien, die es in dieser Filmwelt zu bestaunen gibt. Man behält die Computereffekte unter Kontrolle, sie entgleisen nicht und wirken somit nicht billig oder aufgesetzt (etwas, woran sich Tim Burton in seiner letzten Entgleisung ins Wunderland mal ein Beispiel nehmen sollte). Umstrittene Besetzungen wie Johansson als Major und "Beat" Takeshi Kitano als Aramaki überzeugen überraschenderweise auf Anhieb. Auch als großer Bewunderer Kitanos viel es mir schwer, den großen Zampano als Daisuke Aramaki vorzustellen, Leiter und Taktik-Genie der fiktionalen Sektion 9 Spezialeinheit.

Von sämtlichen  philosophischen Aspekten, die für die Reihe bekannt sind, komplizierten Theorien und Wissenschaften sowie komplexen Fällen der Sektion 9, muss man sich als Zuschauer vorzeitig verabschieden. Wenig überraschend und praktisch vorhersehbar, dass es so kommen musste. Genau genommen ist Ghost in the Shell viel mehr ein Prequel, wie sich Sektion 9 formiert (ähnlich wie in der noch immer neusten Anime-Adaption Arise: Ghost in the Shell). Die Geschichte des Films ist größtenteils eine Eigenkreation, borgt sich dafür aber geschickt Elemente aus allen verfügbaren Ghost in the Shell Umsetzungen. Pate standen hier beide Animationsfilme von Oshii sowie die zweite Staffel der Serie Stand Alone Complex. Hatte ich am Anfang noch die Befürchtung, die Verfilmung könnte schamlos sämtliche Szenen und Ideen aus dem vorhandenem Material klauen, so hat man sich bewusst auf eine handvoll von Szenen geeinigt, die man äußerst gelungen in die Verfilmung implementiert hat. Auch hier überzeugt erneut der gute Einsatz von CGI, der die Realisierung solcher Szenen erst einmal ermöglicht hat.

Was die Entwicklung der Charaktere angeht, so legte man den Fokus beinahe hauptsächlich auf den Major, Batou und Aramaki aus der der Sektion 9. Auch in dieser Verfilmung ist der wahre Gegenspieler eher eine komplette Organisation als ein einzelnes Individuum. So ist es etwas schade, dass die Entwicklung des Cyborgs "Kuze" auf der Strecke bleibt. Leider ist die geringe Entwicklung Kuzes unweigerlich auch mit dem Schicksal des Majors (Johansson) gekoppelt, und so geht die doch sehr vielversprechende gemeinsame Geschichte der beiden leider aufgrund des Zeitdrucks unter. Diese vermeintliche Liebesgeschichte der beiden Figuren wird nahezu meisterhaft in der zweiten Staffel von Ghost in the Shell: Stand Alone Complex erzählt und wirkt in der Verfilmung aufgrund des straffen Zeitplans eher aufgesetzt und unglaubwürdig und wird die Zuschauer sicherlich nicht emotional aus den Sesseln reißen.

Bis auf die überschaubaren inhaltlichen Schwächen und den fehlenden philosophischen Aspekten haben wir hier aber einen ziemlich gelungenen Science Fiction Film, der praktisch alles richtig macht, wo man ihm ein Scheitern prognostiziert hat. Für einen Heimkino-Release wäre sogar noch mehr drin, wenn sich Sanders und der Verleih dazu entscheiden, dem Film vielleicht eine noch etwas längere Fassung zu spendieren.



Resümee

Es wurde nicht nur der berüchtigte Worst Case vermieden, auch darüber hinaus, hier nicht nur keinen Rohrkrepierer abzuliefern, sondern durchaus auch einen sehenswerten Science Fiction Film, da kann sich Ghost in the Shell als Gewinner bezeichnen. Damit war nicht unbedingt zu rechnen. An den Kinokassen lag der Film trotz Johansson-Bonus weit hinter den Erwartungen zurück. Die Produktionskosten sind unlängst aber wieder eingespielt und die Konzentration wird hier wohl erneut mal wieder auf dem Heimkino-Markt liegen, wo der Film definitiv noch zufriedenstellende Umsätze feiern wird.

Bedenkt man einmal, in welch schlechtem Licht Live-Action Adaptionen zu bekannten Manga und Anime stehen (für dessen zweifelhaften Ruf besonders etliche Low Budget Produktionen aus Japan verantwortlich sind, Attack on Titan lässt grüßen), ist das Endergebnis bei der Ghost in the Shell Verfilmung eindeutig hoch einzuschätzen. Ob all das reichen wird, dem Film eine Fortsetzung zu schenken, darf bezweifelt werden, aber auch wenns bei der einmaligen Sache bleibt, werden Verantwortliche aber auch Fans vermutlich versöhnlich zurückblicken. Und im Zeitalter von Netflix ist zumindest die digitale Zukunft des Projektes bestimmt noch nicht vom Tisch.

Samstag, 29. April 2017

Rezension: Der Dieb (Fuminori Nakamura)


(Foto: © Sodo Kawaguchi) 



Japan 2009

Der Dieb
Originaltitel: Suri
Autor: Fuminori Nakamura
Verlag: Diogenes
Übersetzung aus dem Japanischen: Thomas Eggenberg
Genre: Unterwelt-Drama



"Ishikawa hatte nicht nur eine flinke Hand, sondern auch ein geschliffenes Mundwerk. Früher hatte er oft seine Jobs gewechselt und sich nur als Taschendieb betätigt, wenn er Geld brauchte. Bevor wir uns begegneten, war er in einer berüchtigten Gruppe von Kapitalanlagebetrügern aktiv gewesen.
>>Wenn ich mich wie unsichtbar durch die Menge bewege, ist das ein besonderes Gefühl. Erleben wir Zeit, je nach Situation, nicht mehr oder weniger intensiv? Wenn du zockst oder irgendeinen Investitionsschwindel aufziehst, spürst du die gleiche prickelnde Anspannung. In dem Moment, wo du das Gesetz übertrittst, wo du mit einer Frau aus dem Yakuza-Milieu schläfst oder sonst mit einer, die total crazy und unberechenbar ist - in dem Moment wird dein Bewusstsein extrem stimuliert, es zieht dich rein, und du hebst ab ... Diese verrückte Erfahrung, dieser Rausch gibt sich aber nicht mit dem einen Mal zufrieden. Er verlangt nach Wiederholung, nach Abwechslung, gierig, unersättlich. Er treibt dich an, wie ein zweites Ich in dir. Will noch einmal dieses Gefühl, noch einmal jenes Gefühl auskosten ... In meinem Fall ist es die Kunst des Klauens. Das gibt mir den größten Kick.<<"
(Der Dieb: Fuminori Nakamura. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Thomas Eggenberg)



Ein Buch, welches mich auf meiner stressigen Zeit im April begleitet hat war, "Der Dieb" von Fuminori Nakamura. Ich muss zugeben, ich hatte das Buch vor einigen Wochen zufällig unter den Taschenbuch-Neuheiten in der Buchhandlung entdeckt und kannte den Autor zuvor überhaupt nicht. Interessant zu wissen ist jedoch, der Name "Fuminori Nakamura" ist ein Pseudonym, etwas, was den jungen Autor von einer gewissen mysteriösen Atmosphäre umhüllt. Der Name mag ein Pseudonym sein, der Erfolg in seiner Heimat ist nicht ausgedacht, sondern basiert auf Tatsachen. Besser gesagt, Verkäufen. Mit 39 Jahren gehört Nakamura mitunter zu den Auflagenstärksten Autoren in Japan. 2005 gewann er den begehrten "Akutagawa Preis", 2010 gewann er den "Oe Kenzaburo Preis" für den hier besprochenen Kurzroman "Der Dieb". Mit der englischen Adaption zu "Der Dieb" machte Nakamura auch im Ausland auf sich aufmerksam und heimste für den Roman zahlreiche Preise ein.

Doch was steckt denn hinter den ganzen Lobpreisungen? Viel Rauch um nichts oder doch frischer Wind in der Weltliteratur? Bevor ich die Frage beantworte, müsst ihr euch noch ein wenig gedulden. "Der Dieb" ist kein Kriminalroman. Die Geschichte könnte schnell in die Krimi-Schublade gelegt werden, was allerdings ein Fehler wäre. Zwar bietet der Roman eine menge Elemente, die auch ein Kriminalroman gerne beinhaltet, "Der Dieb" ist allerdings ein knallhartes Unterwelt-Drama. Der Ich-Erzähler, dem der Titel gewidmet ist, ist ein Verbrecher, dessen düstere Geschichte sich im Verlauf des Romans immer weiter entfaltet (den Name des Diebes werde ich nicht verraten, er ist aber nicht namenlos, so viel sei schon einmal gesagt). Der Leser folgt hier keinen überforderten Kriminalisten oder aber überdurchschnittlich intelligenten Professoren (ohne nun die Werke von Keigo Higashino abwerten zu wollen). "Der Dieb" ist eine schnörkellose Geschichte. Eine Geschichte, in der Blut fließt. Eine Geschichte über zwielichtige Gestalten und der Yakuza (die japanische Mafia). Eine Geschichte über den Kick, den Nervenkitzel, den die Protagonisten bei einer Straftat verspüren.

Wie schon mein zuletzt besprochenes Buch, "Lebensgeister" von Banana Yoshimoto, so ist "Der Dieb" ein Kurzroman. Gerade mal etwas über 200 Seiten ist der Roman lang. Wie aber auch Banana Yoshimotos Roman, so profitiert Nakamuras Roman von dieser Kürze. "Der Dieb" beginnt direkt zum Auftakt furios und nimmt den Leser gleich mit auf einen Beutezug des Ich-Erzählers. Der Leser ist hier der Beobachter, er spürt den selben Nervenkitzel wie der Dieb. Diese Spannung entlädt sich, sobald der Dieb an seine Beute gekommen ist. "Der Dieb" liest sich relativ häufig wie ein Filmscript, und genau dieser Stil macht diese Geschichte so einzigartig. Die Charaktere, die Nakamura geschaffen hat, sind relativ kryptisch beschrieben. Für den Leser werden die Handlungen, ganz besonders die Handlungen des Diebs, erst im Verlaufe der Geschichte klar. Der einzige Haken, der sich hinter der furiosen Erzählweise und vergleichsweise kurzen Länge des Romans verbirgt sind einige sehr krasse Szenensprünge. Auch mit den Namen kommt man manchmal etwas durcheinander. Obwohl ich mich relativ sicher fühle, was japanische Namen angeht, so hätte glaube ich dem Dieb ein kleines Personenregister nicht geschadet. Dies sind jedoch kleinere Aspekte, die nicht den Gesamteindruck trüben werden.

Nakamuras Schreibstil ist geprägt, als schaue man sich einen Film von Fukasaku oder Kitano an. Was die Gewalt in "Der Dieb" angeht, so ist der Vergleich zu den Werken Takeshi Kitanos sogar noch viel passender. Gewalt wird hier als ein Stilmittel benutzt, um den Leser zu verstören. Hier gibt es keine wilden Ballereien mit blutigen Schießereien, dafür kommt die Gewalt jedoch wie ein Knall. Unerwartet für Protagonist und Leser. Dieses Element spielt Nakamura brillant aus und setzt der Spannung an sich noch einmal einen drauf.

Wie man es von Diogenes gewohnt ist, hat man hier erneut aus dem japanischen übersetzen lassen. Thomas Eggenberg liefert einmal mehr eine flüssige Übersetzung ab, die sich ausgezeichnet liest. Wie immer bei Thomas Eggenbert gibt es wieder die ein oder andere, gut platzierte Randnotiz. Auch beim Titel des Buches ist man unglaublich nah am Original geblieben. Der japanische Originaltitel lautet "Suri", was übersetzt so viel wie "Taschendieb" bedeutet. Dazu liefert der Verlag noch ein äußerst passendes Cover-Motiv.


"Draußen hingen die Wolken wie graue, schwere Lappen am Himmel, und es goss in Strömen. Mein Pulsschlag wurde schneller, ich dehnte meine Finger. Ich stellte mir vor, ich würde ein Taxi rufen, in einem belebten Stadtviertel aussteigen und meine Hand in die Taschen der Leute schlüpfen lassen; ich stünde mitten im Gewühl, würde ein Portemonnaie nach dem anderen greifen, mit flinken, präzisen Handbewegungen ... Es hörte nicht auf zu regnen, und mein Puls beruhigte sich nicht. Mach schon!, hörte ich die innere Stimme und versuchte zugleich, sie zu besänftigen."
(Der Dieb: Fuminori Nakamura. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Thomas Eggenberg) 



Resümee

Angesiedelt zwischen Kitano und Dostojewski, packt "Der Dieb" zu. Er packt sich nicht nur die Portemonnaies von ahnungslosen Passanten, er packt sich auch seine Leser. Dieser Dieb raubt nicht nur, er zieht die Leser gleichermaßen mit in sein Verderben. All das macht Nakamuras Roman zu einem Erlebnis voller Wendungen, Spannung und Pessimismus. Um also nun die Frage aus dem zweiten Absatz dieser Besprechung zu beantworten, so kann ich beruhigt eine Empfehlung aussprechen. Fuminori Nakamuras Roman ist der frische Wind, der dafür sorgte, dass ich das Buch in wenigen Tagen verschlungen habe. Und obwohl "Der Dieb" kein waschechter Krimi ist, so dürften bei diesem Werk durchaus auch Hobby-Kriminalisten ihre Freude haben. Hoffen wir darauf, dass das umfangreiche Werk von Fuminori Nakamura noch das eine oder andere mal den Weg in die deutsche Sprache finden wird.



"Ich widerstand der Versuchung, nochmals über meine Schulter zu blicken, und dachte, dass es besser gewesen wäre, gar nicht erst hierherzukommen. Ich fühlte die Gegenwart des Turms, der von hier aus nicht zu sehen war, fühlte den unaufhörlichen Regen, die gewaltigen Wolken, aus denen es endlos goss - und sah mich selbst, wie ich in dieser Landschaft meines Weges ging."
(Der Dieb: Fuminori Nakamura. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Thomas Eggenberg)

Mittwoch, 19. April 2017

Im Nebel vom Kurs abgekommen



Es sieht ganz danach aus, als habe sich mein kleines Boot im Nebel verirrt und ich habe nicht zurück auf die Insel gefunden! Der Nebel hat sich jedoch gelegt und mein Kapitän musste mir peinlich gestehen, wir waren nur 50 Meter von der Insel entfernt.

Mit anderen Worten, weder ich selbst noch "Am Meer ist es wärmer" ist abgesoffen. Die Pläne für April müssen aus privaten Gründen aber leider ein wenig nach hinten verschoben werden. In wenigen Tagen wird es hier aber weitergehen, also, macht es euch doch einfach schon einmal gemütlich und bereitet euch eine Wärmflasche vor, draußen ist es frisch!

Mittwoch, 29. März 2017

Geständnisse von Kanae Minato ab sofort erhältlich




Als Geständnisse (in Japan unter "Kokuhaku" erschienen) 2008 in Japan erschienen ist, machte der Roman die junge Autorin Kanae Minato zum Star. In ihrem Genre gehört sie in Japan zu eine der meist gelesenen Autorinnen neben bereits etablierten Schriftstellern wie Keigo Higashino und Natsuo Kirino. Geständnisse wurde 2010 von Tetsuya Nakashima erfolgreich verfilmt. Die Verfilmung hat mir bei meiner damaligen Sichtung ausgesprochen gut gefallen und im Jahr 2013 habe ich der Adaption auch ein Review gewidmet.

Da die Uhren in Deutschland etwas langsamer ticken, hat sich dem Mystery-Thriller aber auch endlich ein deutscher Verlag angenommen. Bereits am 27.03 (2017) ist die deutschsprachige Ausgabe beim C. Bertelsmann Verlag erschienen. Auch der Erfolg der bereits angesprochenen Schriftsteller/innen Keigo Higashino und Natsuo Kirino in Deutschland dürfte wohl ein großes Argument für die Veröffentlichung von Geständnisse gewesen sein.

Zu einem schlanken Preis von 16,99 Euro ist die gebundene Ausgabe bei uns erschienen. Dieser schlanke Preis kommt aber auch mit einer kleinen Kehrseite. Schlägt man die erste Seite des Buches auf, wird bei der Übersetzung nur folgendes angemerkt: "Deutsch von Sabine Lohmann". Da mir diese ungewöhnliche Anmerkung etwas seltsam vorkam, habe ich mich etwas weiter durch die rechtlichen Angaben gewuselt und musste leider auch feststellen, die deutsche Übersetzung basiert leider nicht auf der Originalausgabe aus Japan, sondern hier diente die im Jahr 2014 veröffentlichte englischsprachige Übersetzung, die für die deutschsprachige Adaption benutzt wurde. Hier wiegt der Verlag natürlich ab, was sich für ihn mehr lohnt. Bei einer Übersetzung aus der japanischen Sprache hätte man den gleichen Titel, und da bin ich mir sehr sicher, nicht für unter 20 Euro anbieten können. Bei einem Erfolg der deutschsprachigen Ausgabe wünsche ich mir natürlich als Fan der japanischen Literatur sehr, dass kommende Veröffentlichungen direkt aus der japanischen Sprache übersetzt werden. Besonders die großen Freiheiten, die englischsprachige Übersetzer von ihren Verlagen bekommen, bringt gewisse Risiken bei einer anschließenden deutschsprachigen Übersetzung mit sich.

Obwohl ich den Film bereits kenne, freue ich mich sehr auf diese längst überfällige Veröffentlichung. Da der Film eine relativ schlanke Lauflänge von etwas über 100 Minuten aufweist, bin ich mir sehr sicher, in der Romanvorlage wird man sicherlich Handlungsstränge finden, die es nicht in die Verfilmung geschafft haben.

Eine Besprechung von "Geständnisse" wird es zwischen Ende April und Anfang Mai hier auf "Am Meer ist es wärmer" geben. In der Besprechung werde ich auch noch einmal ausführlich auf inhaltliche Änderungen zwischen Film und Buch, aber auch auf die Übersetzung eingehen.

Donnerstag, 23. März 2017

Rezension: Lebensgeister (Banana Yoshimoto)


(Foto: © Jayne Wexler)




Japan 2011

Lebensgeister
Originaltitel: Sweet Hereafter
Autorin: Banana Yoshimoto
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Thomas Eggenberg
Genre: Drama, Slice of Life



"Das benachbarte Apartmenthaus war so dicht an meine >>Villa<< herangebaut, dass sich vor dem seitlichen Fenster meines Zimmers eine Wand befand. Neugierig streckte ich den Kopf hinaus. Schräg gegenüber war ein Fenster. Von dort hörte ich winselnde Schreie, wie von einer Katze. Unwillkürlich dachte ich, jetzt hat dich die Geisterwelt wieder. Ich lauschte mit angehaltenem Atem. Es waren aber nur die Laute eines Paares, das sich miteinander vergnügte. Ob in Wirklichkeit oder in einem Porno, wusste ich nicht. Eine Frau stöhnte und keuchte heftig. Gedankenverloren hörte ich dem Treiben zu und fühlte mich auf einmal einsam. Nicht nur mein inneres Sträuben gegen zu viel körperliche Nähe - auch dass die Schreie keinerlei Lust weckten, ließ in mir meine Verlassenheit umso deutlicher bewusst werden. Nachts allein am Fenster zu stehen und ins Dunkel hinauszustarren - wie traurig ist das denn?, flüsterte ich vor mich hin. Die Traurigkeit schien geradezu physisch in mich einzudringen."
(Lebensgeister: Banana Yoshimoto. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Thomas Eggenberg)



Liest man sich die Inhaltsangabe von Banana Yoshimotos verträumten Kurzroman "Lebensgeister" durch, könnte so mancher Leser, unvertraut gegenüber der Autorin und der japanischen Literatur an sich, denken, hier handle es sich um ein Werk welches in die Richtung Paulo Coelho trifft "Ghost - Nachricht von Sam" geht. Doch weder ist "Lebensgeister" entspanntes flanieren auf der Esoterik-Meile, noch wartet in der Mitte des Buches Whoopi Goldberg auf den verunsicherten, vielleicht sogar verstörten Leser und überbringt der nicht minder verdutzten Protagonistin der Geschichte Nachrichten ihres verstorbenen Lovers. Nein, "Lebensgeister" schlägt tatsächlich in eine ganz andere Kerbe. Hier handelt es sich um einen feinen, kurzen Roman, wie er nur aus Japan kommen kann. Oder, noch besser, wie ihn vermutlich nur Banana Yoshimoto schreiben kann. Irgendwo mal wieder angesiedelt zwischen der realen Welt, der Welt des Traumes und der Welt der Toten, da wandelt ihr 2011 in Japan veröffentlichter Roman "Lebensgeister", der in seinem Heimatland unter dem Titel "Sweet Hereafter" bekannt ist. Eine kleine Rarität, dass die Autorin hier einen komplett englischen Titel verwendet hat. "Lebensgeister" berichtet von dem Verlust eines geliebten Menschen, den Start in ein neues Leben und ganz besonders: Fernweh und Sehnsüchte.

Lover Lover Lover

Mit jenem bekannten Song von Leonhard Cohen beginnt die Geschichte. Im Mittelpunkt steht die junge Sayoko, die nach einem Autounfall um ihr Leben kämpft. An einem wunderschönen Sommerabend in Kyoto kommen Sayo und ihr Partner von der Straße ab, ihr Auto überschlägt sich und wird über eine Uferböschung geschleudert. Sayo bemerkt, wie sich eine rostige Eisenstange in ihren Bauch gebohrt hat, sie verliert das Bewusstsein und bucht einen Kurztrip ins Jenseits. Dort angekommen trifft sie sogleich auf ihren geliebten Hund, der vor einigen Jahren verstorben ist. Kurz darauf kommt auch noch Sayos längst verstorbener Opa, ein zu Lebzeiten geselliger und offener Mensch, auf seiner Harley angebraust und nimmt seine Enkelin auf eine kleine Spritztour mit. Sayoko, die sich mit ihrem Ableben unlängst abgefunden hat und allmählich beginnt, sich mit dieser unwirklich schönen Welt zu arrangieren, bekommt von ihrem Großvater jedoch mitgeteilt, ihre Zeit sei noch nicht gekommen und sie müsse zurück in die Welt der Lebenden. Ihr Lebensgefährte jedoch, teilt ihr Großvater seiner Enkelin mit, der habe den schweren Unfall nicht überlebt. Wie aus einem Fiebertraum erwacht Sayoko im Krankenhaus. Von einer schweren Bauchwunde und tiefer Trauer über den Verlust ihres Lebensgefährten gezeichnet, beginnt für die junge Frau ein langer Weg der Rehabilitation in ein neues Leben. Nicht nur ihre körperlichen Wunden müssen heilen, auch ihre mentalen Wunden haben einen langen Weg der Heilung vor sich.

Mit gerade mal etwas über 150 Seiten ist "Lebensgeister" ein eher kürzeres Lesevergnügen, welches man sich vielleicht besser gut aufteilen sollte. Die Autorin ist sowieso nicht für ausufernd lange Romane bekannt. Der Leser wird nach der Lektüre aber feststellen, diese Geschichte hat keine Seite zu wenig und keine Seite zu viel. Die Geschichte von Sayo folgt nicht unbedingt einem roten Faden. Viel eher erinnert das Buch an eine Dokumentation, in der ein Team von Kameraleuten einer Person über einen Zeitraum von mehreren Tagen folgt und ihr tägliches Leben dokumentiert. Die übernatürlichen Elemente implementiert Banana Yoshimoto so elegant in ihre Geschichte, als würden sie zum ganz normalen Alltag der Menschen gehören. Sayo nimmt ihr Schicksal an und, obwohl sie es befremdlich findet, die Erscheinungen verstorbener Menschen zu sehen, so entwickelt sich relativ schnell eine Routine in ihrem Leben. Geschuldet ist diese Unbekümmertheit unter anderem auch ihrer Nahtoderfahrung.


"In dem Moment, als mir bewusst wurde, dass es auch für mich kein Entkommen gab, dass ich weder entkommen konnte noch wollte, verstand ich zum ersten Mal den Sinn jener Worte: Du hast den Nabel verloren. Die Vertrautheit mit dem Tod ähnelt stark dem Gefühl, das dich nachts in einer Herberge überfällt, am Ziel deiner Reise, mutterseelenallein, und du hast vergessen, woher du eigentlich gekommen bist."(Lebensgeister: Banana Yoshimoto. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Thomas Eggenberg)


Die üblichen Themen, die man in den Romanen von Banana Yoshimoto findet (Melancholie, Einsamkeit, Sehnsüchte), die findet man natürlich auch in "Lebensgeister" wieder. Anders aber als in, beispielsweise, "Ihre Nacht", ein Roman, der mir das ein oder andere Problem bereitete, wirkt "Lebensgeister" strukturierter, durchdachter und verzichtet auf komplizierte Beziehungen unter den Charakteren. Was aber nicht bedeutet, dass es in "Lebensgeister" keine interessanten Charaktere gibt. Sayoko selbst war mir auf Anhieb sympathisch. Nach dem Tod ihres Lebensgefährten ist es für sie beinahe noch unmöglich, an eine neue Beziehung zu denken. Dennoch gibt es zwei Männer in ihrem Leben, zu denen sie sich seit dem Tod ihres Partners hingezogen fühlt. Der emotionale Barbesitzer Shingaku mit seinem Okinawa-Temperament, der emotional relativ nah am Wasser gebaut zu sein scheint, und der homosexuelle, ebenfalls Bar-Besitzer, Ataru, mit dem Sayoko praktisch durch einen Zufall Bekanntschaft macht. Anders als es einige Leser aber erwarten würden, entsteht hier keine Dreiecksbeziehung mit viel Drama und Kitsch. Die Charaktere interagieren stattdessen viel natürlicher untereinander. Sie alle wissen, eine Liebesbeziehung zu Sayo könnte ihre Bindung zur jungen Frau komplett zerstören. Genau aus diesen Gründen wirken die Protagonisten der Geschichte menschlich und man kann sich gut in sie hineinversetzen.

Auch die Übersetzung ist einmal mehr eine separate Erwähnung wird. Fand ich die Übersetzung von Thomas Eggenberg in "Ihre Nacht" noch ein wenig befremdlich damals, so habe ich mich, auch rückblickend gesehen, sehr mit den Übersetzungen des Schweizers angefreundet. Nicht nur liest sich die Übersetzung sehr flüssig in einer leicht verständlichen, lockeren Ausdrucksweise, auch sind etliche interessante Anmerkungen des Übersetzers zu Referenzen aus dem Bereich Kultur und Popkultur enthalten, die die Leser durch die Geschichte führen.



Resümee

"Lebensgeister" ist Banana Yoshimotos Liebeserklärung an Kyoto. Man kann ihre Leidenschaft und Verehrung dieser magischen Stadt der Tempel gegenüber auf jeder Seite spüren. Das Schicksal von Sayoko ist eng an diese Stadt gekoppelt. So viele unvergessliche Erinnerungen haften an diese Stadt. Diese Magie hat sich auch automatisch auf mich übertragen. Manche Szenen hatte ich regelrecht bildlich vor mir.

Letztendlich bleibt nicht mehr viel zu schreiben. "Lebensgeister" hat mich in den Stunden, in denen ich in das Buch eintauchte, vollkommen für sich eingenommen und mir bleibt kaum etwas anderes übrig, als mich zu wiederholen: So ein Roman, der kann nur aus Japan kommen. Alles, was die japanische Literatur so einzigartig macht, diese ganze Quintessenz, die ist in "Lebensgeister" enthalten.
Es ist eine Geschichte, die mit Leonard Cohen beginnt und mit dem Eröffnungslied zur Anime-Serie "Takarajima" (die älteren Lesern meines Blogs vermutlich als "Die Schatzinsel" bekannt ist) schließt. Ein wundervolles, rundes Ende, wonach sich selbst so manches Schwergewicht der Weltliteratur noch sehnt.






Mein bester Dank geht an Andrea von "Lohnt das Lesen", die mir "Lebensgeister" zur Verfügung gestellt hat.

Sonntag, 12. März 2017

Durchgesehen: The Art of Metal Gear Solid V






The Art of Metal Gear Solid V
Künstler: Yoji Shinkawa/Kojima Productions
Rubrik: Artbook
Verlag: Dark Horse (Bisher keine Veröffentlichung in Europa)
Sprache: Japanisch/Englisch



Wer mit Metal Gear Solid V auch fast 2 Jahre nach seiner Veröffentlichung noch immer nicht abschließen konnte, oder aber einfach atemberaubende Artworks und Designs bestaunen will, der bekommt mit "The Art of Metal Gear Solid V" eine letzte Zugabe geboten. Das etwas über 200 Seiten dicke Hardcover-Artbook umfasst eine riesige Sammlung an Konzeptzeichnungen, kunstvolle Artworks und gar unveröffentlichtes Material. Inwieweit hier Konami seine wachende Hand über dieses Artbook hielt, die Frage wird wohl ungeklärt bleiben, man kann aber davon ausgehen, selbst im Artbook wird sich nur ein Fingerhut voll von dem Material befinden, was es nie ins fertige Spiel geschafft hat.

"The Art of Metal Gear Solid V" ist insofern ein besonders interessantes Buch, da es veröffentlicht wurde, nachdem Publisher und Lizenzinhaber Konami die Verträge der Mitarbeiter von Kojima Productions nicht verlängert hat und das Gesamtwerk Metal Gear Solid V unfertig veröffentlicht wurde. Normalerweise sind Artbooks zu Videospielen kein Thema auf "Am Meer ist es wärmer", das in dem Buch abgedruckte Material macht das Buch aber zu etwas besonderem und ist sicherlich für Sammler, aber auch begeisterte wie enttäuschte Fans nicht uninteressant. Dementsprechend folgt nun ein kleiner Ausblick auf das Artbook zu Metal Gear Solid V, erschienen bei Dark Horse Comics am 15. November 2016.


(Foto: Aufziehvogel. Copyright: Konami/Dark Horse)



Obwohl sich Konami bereits vor etlichen Monaten von Metal Gear Schöpfer Hideo Kojima und seinem Studio Kojima Productions verabschiedet hat, kehrte für ein kleines Vorwort für das Artbook zumindest eine bekannte Person zurück: Yoji Shinkawa. Shinkawa debütierte im Metal Gear Franchise 1998 beim Sony PlayStation Debüt "Metal Gear Solid". Mit seinem ikonischem Stil prägte Shinkawa mit seinen Zeichnungen zu Charakteren und den gigantischen Mechs, sowie zahlreichen anderen Vehikeln zu Land und Luft, fortan die künstlerische Richtung der Reihe. Yoji Shinkawa setzte um, was Kojima forderte und die beiden wurden zu einem unzertrennlichem Team, welches auch privat eine enge Freundschaft pflegt. In einem kurzen Vorwort im Artbook richtet sich Shinkawa an die langjährigen Fans des Metal Gear Franchise und verabschiedet sich zudem noch einmal förmlich. Eine Möglichkeit, die sein Kumpel Hideo Kojima in der unschönen Schlammschlacht rund um Konami und Kojima Productions leider nicht mehr hatte.

Aufgeteilt ist das Artbook in mehrere Abschnitte. Da Metal Gear Solid V sowohl in "Ground Zeroes" als auch "The Phantom Pain" aufgeteilt ist, gibt es im Artbook zu beiden Geschichten ausgewählte Artworks, Designs aber auch Promo-Material zu sehen. In "The Art of Metal Gear Solid V" gibt es aber noch einen finalen Abschnitt. Einen Abschnitt, der gerade mal 3 Seiten umfasst, aber separat gelistet ist und für Fans besonders interessant sein dürfte, denn in diesem Abschnitt sehen wir Konzeptzeichnungen über den finalen Showdown des Spiels, der es aufgrund zu hoher Entwicklungskosten nicht mehr ins Spiel geschafft hat: "Kingdom of the Flies".


(Foto: Aufziehvogel. Copyright: Konami/Dark Horse)


Die Hauptkampagne von Metal Gear Solid V ist in 2 Kapiteln unterteilt (In den Daten der PC-Version haben sogenannte Data Miner sogar Hinweise auf ein drittes Kapitel mit dem Titel "Peace" gefunden). Während das mysteriöse dritte Kapitel wohl immer ein Mysterium bleiben wird, so ist die finale und 51. Mission im zweiten Kapitel sehr real. Kojima hatte sein Budget überschritten, Konami wollte nicht noch mehr Geld in Metal Gear Solid V investieren (angeblich belaufen sich die Produktionskosten auf 80 Millionen Dollar), drehte den Geldhahn zu und das Spiel endet abrupt kurz vor dem Ende des zweiten Kapitels. Die Entwickler versuchten jedoch, das beste draus zu machen und bauten gleich 2 Pseudo-Epiloge ein, die den Spielern ein Gefühl der Komplettierung vermitteln sollten. Dies funktionierte jedoch mehr schlecht als recht und viele Handlungsstränge und Entwicklungen wurden unklar und verkompliziert. All das hinterließ einen extrem faden Beigeschmack.

Da das Artbook von Konami abgesegnet ist und sämtliches Material von Konami freigegeben werden muss, bestätigt die Zugabe in "The Art of Metal Gear Solid V" ein weiteres mal, dass keiner der Verantwortlichen bisher so richtig mit dem Thema abgeschlossen hat. Das Artbook zeigt im letzten Abschnitt, genau wie das damals veröffentlichte Video, Konzepte zu dem nicht mehr realisierten Showdown. Das Material zu diesem Abschnitt hätte ruhig ein wenig üppiger ausfallen können, aber vermutlich kann man bereits sagen, man habe eher damit gerechnet, dass Konami dieses Thema komplett totschweigen würde. Sämtliche Konzepte, Designs und ein dazugehöriges Storyboard befinden sich nahe der Komplettierung, von den Entwicklern ist jedoch niemand mehr da, dieses Material zu vervollständigen und Konami selbst verfolgt keine Pläne, in Zukunft daran etwas zu ändern (für die Fertigstellung sind die ursprünglichen Mitarbeiter nicht einmal nötig, da alle wichtigen Inhalte bereits existieren).


(Foto: Aufziehvogel. Copyright: Konami/Dark Horse)



"The Art of Metal Gear Solid V" ist gespickt mit hunderten Artworks. Einige so detailliert und realistisch, man könnte meinen, man lese hier geheime Konzeptzeichnungen einer mächtigen Militärmacht. Viele Zeichnungen sind auch mit Kommentaren versehen, die meisten wurden jedoch nicht übersetzt und in der japanischen Sprache belassen. Einige wenige Kommentare und Begriffe aus dem Spiel findet man jedoch auch in englischer Sprache vor. Wieso man sich hier aber nicht mehr die Mühe gemacht hat, alle Kommentare zu übersetzen, was sicherlich kein großer Mehraufwand gewesen wäre, wird wohl ebenfalls ein Geheimnis bleiben. Hier können aber auch Lizenzprobleme vorliegen. Besonders zu einigen Konzepten, die es nicht ins Spiel geschafft haben, wäre ein übersetzter Kommentar sehr interessant gewesen.

Anzumerken ist übrigens noch, nicht alle Konzepte, die es in dem Artbook zu sehen gibt und nicht ins Spiel geschafft haben, seien Inhalte, die aus Kostengründen aus dem Spiel entfernt wurden. Wie es bei Filmen oder Videospielen oder sämtlichen anderen Medien übrig ist, kommen viele Ideen eines großen Projektes nicht über die Planungsphase hinaus und dienen einfach als interessantes Beiwerk, in welche Richtungen die Entwickler gedacht haben.

Egal, wie die Spieler sich von Big Boss verabschiedet haben, ob im Groll oder in Versöhnung, "The Art of Metal Gear Solid V" dürfte das letzte Abschiedsgeschenk aller an dem Franchise beteiligten Parteien gewesen sein. Sowohl für Konami als auch Kojima Productions ist es an der Zeit, in die Zukunft zu blicken. Im Artbook finden sich viele kleine Schätze, die entdeckt werden wollen. Und vielleicht denkt der ein oder andere beim durchblättern dieses Buches ja sogar ein wenig wehmütig auf seine Zeit zurück, als er mit Snake auf dem Pferd staubige Wüsten und dichte Dschungel durchquert hat und dabei die verrücktesten und kuriosesten Dinge getan und gesehen hat.

Da ich auch einer dieser Typen bin, die mit dem Spiel nie so wirklich abschließen konnten, möchte ich diesen Beitrag hier mit den Worten auf dem Klappentext des Artbooks beenden:

"Someday the world will no longer need us. No need for the gun, or the hand to pull the trigger... Another Mission, Right, Boss?"

Nun, die nächste Mission scheint gewiss gesichert zu sein wenn man sich Konamis neue Pläne ansieht. Viele Weggefährten des Franchise dürften nun aber wohl ebenfalls den wohlverdienten Ruhestand angetreten haben.


(Foto: Aufziehvogel. Copyright: Konami/Dark Horse)


(Foto: Aufziehvogel. Copyright: Konami/Dark Horse)


Hinweis: Alle hier präsentierten Bilder dienen der Berichterstattung zu dem Artbook "The Art of Metal Gear Solid V" im Vertrieb von Dark Horse Comics. Das Metal Gar Franchise stammt aus der Feder von Hideo Kojima und gehört Lizenzinhaber Koami. Die hier präsentierten Bilder dürfen nicht ohne Erlaubnis des Rechteinhabers verwendet werden.

Attention: The presented pictures serve for review purposes only. "The Art of Metal Gear Solid V" is published by Dark Horse Comics. The Metal Gear Franchise was created by Hideo Kojima and is under the license of Konami. Do not use these pictures without the permission of the license holder.

Donnerstag, 2. März 2017

Kishidancho Goroshi: Das neue Werk von Haruki Murakami feiert seine Veröffentlichung in Japan

(Quelle: The Asahi Shimbun)



Ich hoffe ich leiste mir nun bei dem Datum der Veröffentlichung keinen Fauxpas, denn, wenn ich richtig informiert bin, so ist der neue Roman von Haruki Murakami am 24.02.2017 in Japan erschienen. Bereits im Dezember kündigte Murakamis Verlag Shinchosha Publishing an, dass das neuste Werk des Bestsellerautors im Februar 2017 erscheinen würde. Wie immer erfolgte die eigentliche Veröffentlichung mehr heimlich als nach festem Muster geplant, und dennoch herrschte während des Mitternachtsverkaufes ein Ausnahmezustand in vielen japanischen Buchhandlungen.

Murakamis neuster Streich ist in zwei Bänden erschienen. Der Titel des Gesamtwerkes lautet "Kishidancho Goroshi", was ins englische übersetzt so viel wie "Killing Commendatore" (der "Commendatore" ist hier übrigens ein italienischer Begriff) bedeutet.

Die Japan Times berichtete über die jeweiligen Titel und dem mysteriösen Inhalt der beiden Bücher etwas genauer (Hinweis: Text nur in englischer Sprache):

The book is titled “Kishidancho Goroshi” (“Killing Commendatore”). Two volumes of the title, “Arawareru Idea” and “Utsurou Metaphor,” loosely translated as “Appearing Idea” and “Changing Metaphor,” were both released on Friday.
The latest book is of a man living in the mountains whose life starts to change after encountering the “Commendatore,” meaning commander in Italian.
Quelle: The Japan Times
 
Bereits bei seinem letztjährigen Besuch in Dänemark ließ Murakami bei einer Diskussionsrunde verlauten, sein neuer Roman würde erstmals wieder in der "Ich-Erzähler" Perspektive verfasst sein und es sich zudem inhaltlich um eine "sehr seltsame" Geschichte handle. Sowohl der Titel als auch der minimale Ausblick auf die Geschichte geben Anlass dazu, zu bestätigen, der Autor hat anscheinend Wort gehalten.

Bisher gibt es noch keinerlei Informationen zu einer Veröffentlichung außerhalb Japans. Man kann sich aber sehr sicher sein, Murakamis neuster und erster Roman seit "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" wird auch in deutschsprachigen Gefilden vermutlich in absehbarer Zeit eine Ankündigung erhalten.



 

Mittwoch, 22. Februar 2017

Junji Ito: Alpträume aus Tinte und Tusche



Wenn sich ein Künstler einen Horrorliteratur-Pionier wie H.P. Lovecraft und einen Horror-Mangaka wie Kazuo Umezu als Vorbild nimmt, der hat entweder die Möglichkeit, diese Ikonen zu kopieren, oder, sie zu übertreffen. Der gelernte Zahntechniker Junji Ito (53) hat sich dazu entschieden, den einen wie den anderen weder zu kopieren, noch zu übertreffen. Er hat sich dazu entschieden, noch weiter als diese Herren zu gehen. Eine Welt zu erschaffen, die man mit bloßen Worten bereits nicht mehr erklären kann. In seinen wirrsten, verrücktesten und bizarrsten Erzählungen haben die Kraft der Worte bei Lovecraft nicht ausgereicht, was die Illustrationen von Junji Ito so viele Jahre nach Lovecrafts Geschichten zeigen. Auch die Literatur kennt ihre Grenzen. Anders sieht es da schon bei dem Altmeister des Horror-Manga aus, Kazuo Umezu. Der Zeichenstil von Ito ist eine direkte Hommage an die Zeichenkunst Umezus, thematisch aber auch stilistisch geht Ito sogar noch eine Spur weiter als er. Wird es mir gelingen, die seltsam verstörende Welt von Ito zu erklären, oder können tatsächlich nur die Illustrationen selbst diesen Wahnsinn wiedergeben?




Während sich in Deutschland die Bekanntheit Itos größtenteils auf das Video eines hyperaktiven YouTubers beschränkt und deutsche Verlage auch nach 1-2 Anläufen es nicht geschafft haben, mit Itos Werken eine feste Leserschaft zu gewinnen, so bleibt der Mangaka im deutschsprachigen Raum eher eine Nische. In den USA hingegen sieht es da schon anders aus, erst in diesem Jahr sind sowohl von VIZ Media mit der Hardcover-Gesamtausgabe zu Tomie und Dissolving Classroom von Vertical Comics, zwei neue Veröffentlichungen erschienen (Tomie ist hierbei mehr eine schicke Neuauflage, die sich vom Design her an die anderen Hardcover-Ausgaben des Mangaka anpasst, die der Verlag bisher veröffentlicht hat).

Verwunderlich ist die eher zurückhaltende Einstellung gegenüber Ito nicht. Der deutsche Manga-Markt ist nicht sonderlich bekannt dafür, dass das Horrorgenre in den Regalen der Händler überquillt. Abseits davon legt Ito aber auch noch einmal eine Schippe von allem drauf, was andere Mangaka in dem Bereich so zeigen. Hier spielen nicht einmal grafische Illustrationen eine Rolle. Auch wenn Junji Ito für Body-Horror in Reinkultur steht, so sind es die Geschichten an sich, die die Leser häufig mit purer Verblüffung und einem Schauder zurücklassen. Im Genre der Kurzgeschichte fühlt sich Ito besonders wohl. Auch Itos Frühwerk, Tomie, die Geschichte über eine Schülerin aus der Hölle, die, sobald man sie ermordet und in Stücke hack, bald schon wieder zurückkehrt um neue Opfer heimzusuchen, besteht hauptsächlich aus Kurzgeschichten, die lose, beinahe ohne einem roten Faden folgend, miteinander zusammenhängen.

Von Itos Kurzgeschichten gibt es viele. Und so müsse man eigentlich meinen, hat man erst einmal 10-15 seiner Geschichten gelesen, würde man langsam ein Schema an seinem Stil erkennen. Doch genau hier kommt die Unberechenbarkeit ins Spiel. Während etliche von Itos Geschichten einen relativ ähnlichen Beginn haben, ja, sogar einem Muster folgen (männlicher oder weibliche(r) Protagonist(in), ein unerklärliches Ereignis, psychische Labilität des Hauptcharakters), so hat der Mangaka in seinen Stories immer wieder neue wahnwitzige, irrsinnige oder in einem positiven Sinne völlig absurde Wendungen auf Lager. Dies ist jedoch nur möglich, wenn man dieses Konzept auch in Illustrationen umsetzen kann. Zeichnungen, die mit Worten nicht zu beschreiben sind. Diese Kombination macht jede von Itos Geschichten zu einem Unikat.




Alltägliche Dinge driften in Juni Itos Welt zu unbeschreiblichen Alpträumen ab. In der Welt des Japaners gibt es keine Regeln und keine Gesetze der Biologie und Physik. Die Menschen könnten ihre Doppelgänger in Form eines Luftballon-Kopfes treffen, die sie gleichzeitig in ihr tödliches Verderben stürzen, sobald sie ihnen begegnen. Oder mutierte Fische mit mechanischen Prothesen, die ihnen dazu verhelfen, an Land laufen zu können um auf der Erde anschließend eine irre Apokalypse anzurichten..... all das könnte in einer Geschichte von ihm vorkommen. Zu versuchen, diese Geschichten in Worte zu fassen bringt aber relativ wenig, genau genommen, es ist unmöglich. Eine Inhaltsangabe oder ein Resümee einer Geschichte zu verfassen würden stupide und banal klingen. Wobei Banal hier gar nicht einmal das falsche Wort ist. Itos Geschichten haftet eine positive, eine wundervolle Banalität und Absurdität an, ohne die sein spezifischer Stil überhaupt nicht zur Geltung kommen würde. Itos Horror kehrt zu den Ursprüngen unser Ängste zurück. Ängste zeichnen sich in etwas aus, was wir mit Worten nicht erklären können. Hier verhält es sich ähnlich wie mi einer Phobie. Der Klassiker aller Phobien, die Phobie gegenüber Spinnen (zu dessen Anhängern ich leider auch gehöre), ist ein perfektes Beispiel. Die Ursprünge dieser Phobie und den Ängsten, die sie in Menschen auslöst, sind die acht Beine des Insekts. Der Mensch steht vor dem Rätsel, wie dieses Insekt sich auf acht Beinen bewegen kann. Er steigert sich in diese Gedanken rein und sieht, wie schnell und unberechenbar die Spinne sich mit diesen haarigen acht Beinen bewegen kann. Itos Horror baut auf genau diesen Urängsten der Menschen auf. Der Horror ist das Unerklärliche. Dies ist etwas, was es im neumodischem Horrorgenre schon lange nicht mehr gab. Zuletzt wurde aus filmischer Sicht dieser Aspekt eindrucksvoll von David Robert Mitchells "It Follows" bewiesen.




Genau so unberechenbar wie Itos Geschichten selbst sind seine Veröffentlichungen. Im Gegensatz zu anderen Mangaka ist es nicht selten, dass man von Junji Ito über Jahre nichts hört. Sein Hauptwerk besteht aus Kurzgeschichten, diese Kurzgeschichten werden relativ häufig gesammelt und als Anthologien veröffentlicht. Werke mit einer zusammenhängenden Geschichte wie Uzumaki oder Gyo sind eher Ausnahmen. Der Mangaka verrichtet seine Arbeit, wie es ihm passt. Allen voran, so meinte Ito in einem Interview in der BBC-Serie "Japanorama", zeichnet er für sich selbst. Zuerst einmal ist es wichtig, dass ihm seine Geschichten selbst gefallen. Ein Zitat, was undenkbar wäre wenn erfolgreiche Mangaka wie Masashi Kishimoto (Naruto) oder Hajime Isayama (Attack on Titan) so etwas von sich geben würden, die ihre Werke aufgrund eines stets wachsamen Redakteurs oder aber auch der Erwartungshaltung der Fans stetig und erheblich anpassen mussten und weit von der originalen, angepeilten Vision der Mangaka liegen.

Itos Werke zu verfilmen fand bisher auf einer eher kleinen Ebene statt. Zweimal durfte der japanische Filmemacher "Higuchinsky" ran, der bei der TV-Adaption zur Kurzgeschichte "Long Dream (Nagai Yume)" sowie dem Kinofilm zur Adaption von "Uzumaki" Regie führte. Higuchinsky hat es dabei relativ überraschend geschafft, obwohl sich besonders Uzumaki inhaltlich vom Manga abgehoben hat, Itos Horror unglaublich effizient umzusetzen. Eine völlige Entgleisung und ein großartiges Beispiel, wie man es falsch angeht, stellt die Anime-Adaption zu Gyo (Review) aus dem Jahr 2012 dar. Nicht nur verfälschte man Itos gesamten Stil (auch modernen Trends folgend bei dem Protagonist einen sogenannten "Gender-Swap" zu vollziehen), obwohl ein namhaftes Studio wie Ufotable am Werke war, wurde der relativ kurze Spielfilm auch noch mit unsäglichen CGI-Effekten vollgemüllt.

Ein relativ trauriges Ende fand das vielversprechende Reboot zum Silent Hill Franchise. Zusammen mit Metal Gear Schöpfer Hideo Kojima, Guillermo del Toro und Norman Reedus war Junji Ito als Designer für die Monster ein wichtiger Bestandteil dieser einzigartigen Kollaboration. Publisher Konami stampfte das Projekt jedoch ein. Einen kleinen Vorgeschmack auf Itos Designs gab es neben einer spielbaren Demo aber auch in einem kurzen Konzept-Trailer zu sehen.




Selbst die Pokemon Company konnte sich Itos bizarrer Welt wohl nicht entziehen. Beide hier präsentierten Artworks stammen aus Itos Feder und gelten als offizielle Zusammenarbeit der beiden Parteien. Bei so manchen Einträgen im Pokedex (der Videospiele) könnte man tatsächlich meinen, der Mangaka hätte dort tatsächlich seine Finger im Spiel gehabt.

Wer ein bisschen lust bekommen hat, Junji Itos Welt nun für sich zu entdecken, der hat einige Optionen. Wer der englischen Sprache nicht mächtig ist, der wird auf die in 3 Bände aufgeteilte Veröffentlichung von Uzumaki zurückgreifen können, die Carlsen Manga lizenziert und zwischen 2013-2014 veröffentlicht hat. Im englischsprachigen Raum ist die Auswahl hier schon um ein vielfaches umfangreicher. Ein Blick auf Amazon oder Thalia sollte Interessenten weiterhelfen (auch abseits der deutschen oder englischen Sprache).

Bereits seit einigen Monaten habe ich diesen Beitrag zu dem Werk von Junji Ito geplant, aber mir fehlten, wie auch jetzt gerade, die Worte. Aber heute Abend viel es mir zumindest leichter, mir nicht die Mühe zu machen, das Unerklärbare zu erklären, sondern einfach mal drauf los zu schreiben. Insgesamt wird der hier geschriebene Artikel dem Werk von Junji Ito zwar nicht wirklich gerecht, aber wenn hiermit auch nur eine Person zum Werk des Mangaka findet, hat sich dieser Ausflug in die Welt der Alpträume gelohnt!