Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Sonntag, 2. Februar 2014

Banana Yoshimoto: Ihre Nacht (Rezension)






Japan 2008

Ihre Nacht
Autorin: Banana Yoshimoto
Originaltitel: Kanojo ni tsuite
Erscheinungsjahr: 2008 (Japan), 2012 (Deutsch, Diogenes)
Übersetzung: Thomas Eggenberg
Genre: Familiendrama, Mystery


"Zum Beispiel, wie Shoichi sich langsam verändert; wie jedes Mal, wenn wir uns berühren, und mit jedem Tag die Glut von neuem und immer heftiger sich entfacht. Shoichi selbst nimmt es wohl kaum wahr, es ist nicht der Moment dafür. Er kommt mit vor wie leicht beschwipst. Ich verstehe ihn ja, er hat eine anstrengende Zeit hinter sich und gönnt sich jetzt ein wenig Abwechslung, ein wenig Urlaub. Ohne Verpflichtungen und ohne Telefoniererei, ohne allzu viele Gedanken an das, was kommen wird, fern von der wirklichen Welt.
Natürlich hat unser gemeinsames Abenteuer für mich eine ähnliche Bedeutung. Zwar weiß ich, wie es um mich steht, mit geradezu brutaler Sicherheit kann ich sagen, dass es keine Zukunft gibt. Aber dennoch genieße ich den Urlaub und bin meinen Gönnern, Shoichi und seiner Mutter, dankbar dafür. Diese Reise ist ein Geschenk. Nicht zuletzt auch deshalb, weil ich mich allein nie auf dem Weg gemacht hätte, ja nicht einmal geahnt hätte, wie ungeheuer wichtig es mich für sein könnte.
Innerlich zur Ruhe kommen - das bedeutet weder betrübtes Alleinsein noch übertriebenes Fröhlichsein; vielmehr ist es so, wie wenn man an einem kalten Wintertag in der warmen Strube sitzt und in die Schneelandschaft hinausschaut, über der ein silberweißer Schleier liegt. Auch ohne Sonnenschein und Himmelblau fügt sich alles zu einem bezaubernden, harmonischen Ganzen." 
(Banana Yoshimoto, Ihre Nacht, Diogenes Verlag, in einer Übersetzung von Thomas Eggenberg)




 "Tokio wird immer mehr zu einer Stadt voller einsamer und isolierter Menschen. Aber ich versuche, immer noch etwas Hoffnung in meinen Büchern zu hinterlassen." (Banana Yoshimoto in einem Interview)

Gelangt man zum Ende von Ihre Nacht, so fällt es schwer, Banana Yoshimoto dieses Zitat zu glauben. Aber dieses Gefühl wird man nur im ersten Moment haben. Wie immer ist es eine Sache der Interpretation, wie man das Ende der Geschichte auffasst.

Die Bestsellerautorin zählt in ihrem Heimatland zu den populärsten und auflagenstärksten Autorinnen. Auch im Westen machte sie bereits vor vielen Jahren mit ihrem Werk Kitchen auf sich aufmerksam. Gerne wird Banana Yoshimoto (geboren als Mahoko Yoshimoto) von westlichen Kritikern mit Haruki Murakami verglichen. Was aber auch ein gewagter Vergleich ist, denn die beiden Autoren unterscheiden sich vom Stil her ziemlich. Was die Thematik und Atmosphäre angeht, so würde ich jedoch teilweise zustimmen.
Das Stilmittel von Banana Yoshimoto dürfte die stets düstere, geheimnisvolle Atmosphäre sein, die ihre Geschichten zeichnet. Diese Atmosphäre spiegelt sich in fast allen ihrer Werke wieder. Im Gegensatz zu Haruki Murakami, der gerne westliche Elemente in seine Geschichten einbaut, sind Frau Yoshimotos Geschichten aber durch und durch japanisch. Man muss einfach eine gewisse Kenntnis sowie auch ein wenig Verständnis gegenüber der japanischen Kultur und Denkweise mitbringen. Erst dann entfalten sich die Geschichten der Autorin zu einem wunderschönen Gemälde.

"Ihre Nacht" hat es mir aber dennoch zu Beginn schwer gemacht. Das Buch fängt an als ein flüssig erzähltes Familiendrama, besitzt einen Mittelteil, dem es manchmal sogar etwas an Elan fehlt. Das Ende ist jedoch so überraschend konzipiert, dass wohl kaum ein Leser mit den Auflösungen der Ereignisse in dieser art rechnen dürfte. So spielte anfängliche Ernüchterung und Begeisterung eine wichtige Rolle bei meinen abschließenden Gedanken, als ich die Lektüre schloss. In meiner Rezension versuche ich selbst noch einmal ein wenig über die Geschehnisse im Buch zu sinnieren.

Erzählt wird die Geschichte von Ich-Erzählerin Yumiko. Die Vergangenheit von Yumiko kann man nur als tragisch bezeichnen. Ihre Familie machte sich mit einem Geschäft für Feinschmecker Produkte einen Namen. Schnell floss das Geld und alle beteiligten führten fortan ein sorgloses Leben. Yumikos Mutter hingegen wurde stets gieriger. Immer mehr veränderte Yumikos Mutter sich und wurde noch gieriger, bis es sogar so weit ging, dass sie fragwürdige Seancen hielt, um mit Geistern zu kommunizieren. Diese Seancen sollten zur Folge haben, dass das Familiengeschäft fortan noch besser laufen sollte. Immer mehr driftete die fanatische Geschäftsfrau ab, bis es sogar einen Krach in der Familie gab und sie sich mit ihrer Teilhaberin und Zwillingsschwester für immer auseinanderlebte. Obwohl es Yumiko an nichts mangelte in ihrem Leben, bekam sie von ihrem Vater, der immer mehr den Fußabtreter seiner Frau spielte, nicht die Aufmerksamkeit, die sie sich wünschte. Der mental schwache Vater gehorchte seiner Frau aufs Wort. Bei der letzten Seance, die im Anwesen von Yumikos Eltern gehalten wurde, kam es zu einem dramatischen Ereignis als ihre Mutter endgültig den Verstand verlor. Jahre später, Yumiko ist bereits eine Erwachsene Frau, besucht sie auf einmal ihr Cousin Shoichi, der, den letzten Wunsch seiner verstorbenen Mutter erfüllend, Yumiko auffinden sollte. Erneut konfrontiert mit ihrer Vergangenheit nimmt die vom Weg abgekommene Yumi es noch einmal mit den Geistern vergangener Tage auf, denn irgendwann muss man sich diesen stellen. Für Yumi und Shoichi beginnt eine Reise, bei der das Ziel bisher noch unbekannt ist.

Einsamkeit, Isolation, Selbstfindung. Dies sind die Themen, die Banana Yoshimoto in ihrem Roman aufgreift. Protagonistin Yumiko hat eine schreckliche Vergangenheit hinter sich und konnte nicht ein einziges mal in ihrem Leben ruhe finden. Immer wieder verfolgten sie die Ereignisse aus ihrer Kindheit. Die rastlose und nachtaktive Yumiko (daher könnte der deutsche Titel rühren, der sich doch stark vom Originaltitel unterscheidet) lebt von einen Tag in den nächsten hinein. So richtig zuhause fühlt sie sich ebenfalls nirgendwo. Sie wurde von der Familie enterbt und führt ein Leben in völliger Bedeutungslosigkeit. All das soll sich aber ändern, als ihr Cousin Shoichi vor ihrer Tür steht, den sie zuletzt in ihrer Kindheit sah. Die Geschichte handelt von zwei sehr ungleichen Menschen. Ein Unterschied wie Tag und Nacht, könnte man sagen. Die Reise mit Shoichi wird für Yumiko zu einer Art Pilgerreise. Die Vergangenheit hält sie, je weiter sie kommen, immer mehr für einen schlechten Traum. In ihrer Vorstellung macht sich ein Anachronismus breit, der Yumikos gesamte Vergangenheit in einen Nebel hüllt.

Als Leser nahm ich natürlich an Yumikos Reise teil. Als schweigsamer Begleiter ging ich gemeinsam mit ihr an all die verschiedenen Orte aus ihrer Vergangenheit.
Banana Yoshimotos Schreibstil ist leicht und verständlich, sogar recht locker. Für eine Autorin, die in den Sechzigern geboren ist, kann sie sich noch sehr gut in eine Frau in ihren Zwanzigern hineinversetzen. Als eher lästig empfand ich jedoch, wie oft Yumiko regelrecht in einem Meer aus Selbstmitleid zerfloss. Obwohl Yumi jedes Recht dazu hat, hätte die Autorin hier und da etwas sparsamer damit umgehen können.
Wie ich bereits zu Beginn der Rezension erwähnt habe, fehlt es dem Mittelteil an echten Höhepunkten. Man könnte sagen, die Geschichte plätschert wie ein kleiner Bach, in einer abgelegenen Gegend von Kyoto, ein wenig vor sich hin. Was jetzt nicht bedeutet, die Geschichte würde dadurch langweilig werden. Die Seiten blättern sich zu jeder Zeit im Buch leicht und locker um. Allerdings fragt man sich irgendwann, ob "Ihre Nacht" auf etwas bestimmtes hinausläuft. Ob dieser Roman überhaupt ein Ziel hat. Doch dann kommt auf einmal das Ende, und man ist ganz regelrecht sprachlos

Die Übersetzung von Thomas Eggenberg ließt sich ebenfalls flüssig und ist mit interessanten Randbemerkungen versehen (Kudos für die Biohazard/Resident Evil Anmerkung). Die wurden sehr sparsam hinzugefügt und immer genau passend gewählt.


Resümee

Obwohl sich "Ihre Nacht" so leicht ließt, bleibt am Ende sogar ein recht schweres Werk zurück.
Neben bereits besprochenen Themen wie Einsamkeit und Isolation spielt auch das Thema um Liebschaften in der eigenen Familie keine unwichtige Rolle. Auch der Leser wird hier eine Achterbahn der Gefühle miterleben. Nach einem mehr als soliden Auftakt folgt ein etwas [zu] ruhiger Mittelteil um jeden Leser anschließend am Ende durch den Looping zu schießen. 

Banana Yoshimoto hat, und da muss man "Ihre Nacht" loben, einen sehr geheimnisvollen Großstadtroman geschrieben, der irgendwo zwischen düsterer Wirklichkeit und Traum wandelt. Die Thematik ist ernst und macht nachdenklich, die Protagonistin hingegen scheint sich, glaubt man ihren Worten, gar nicht mehr in der Realität zu befinden. Die wirklich sehr pessimistische Protagonistin öffnet sich dem Leser nur spärlich und doch kann man ungefähr erahnen, wie ihr Leben bis zu dem Auftauchen ihres Cousins bisher abgelaufen sein muss. Die Pessimisten unter uns werden die Geschichte wohl nicht als hoffnungsvoll erachten, die Optimisten dagegen werden bestimmt jene Hoffnung aus Banana Yoshimotos Buch angeln, von der sie am Anfang dieser Rezension gesprochen hat. Als Lektüre für die Nacht eignet sich ihr Roman bestens und sollte von Freunden der japanischen Literatur unbedingt mal näher betrachtet werden.


Abschließen möchte ich diese Besprechung mit einem Song, der nicht nur den Originaltitel des Romans enthält, sondern auch noch sehr gut zur Stimmung der Geschichte passt.


Malcolm McClaren - About Her 


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