Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Samstag, 13. Januar 2018

Ein Rückblick auf "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki"


Spoiler-Warnung! Hier wird intensiv auf den Roman eingegangen

Am 22 Januar 2018 beginnt ein Festtag für deutschsprachige Haruki Murakami Fans. Genau dann veröffentlicht der DuMont Verlag nämlich Band 1 (der finale zweite Band erscheint im April) von Murakamis neustem Roman, "Die Ermordung des Commendatore". Auch in Japan ist sein neuer großer Roman in zwei Teilen erschienen, allerdings direkt zum Verkaufsstart. Bei Murakamis Popularität in seiner Heimat kann sich dies wohl kaum ein anderer Autor erlauben.

(Anmerkung: Sämtliche Daten richten sich nach dem Veröffentlichungsdatum in Japan. Alle besprochenen Titel sind in deutscher Sprache erhältlich)
Blicke ich in Abseits 1 noch in eine sehr nahe Zukunft, möchte ich mich jetzt in Abseits 2 direkt der Vergangenheit widmen. Nun ist es beinahe 5 Jahre her, als in Japan Murakamis letzter Roman, "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki", veröffentlicht wurde. Bei Haruki Murakami herrscht eine strikte Ordnung was seine Veröffentlichungen angeht. Nach einem riesigen Werk wie "1Q84" folgte mit Tsukuru Tazaki ein Roman von eher schmaler Größe. Anschließend musste Murakami von den Romanen wieder Abstand nehmen und veröffentlichte 2014 mit "Von Männern, die keine Frauen haben" eine Sammlung an Kurzgeschichten, die sich alle um ein zentrales Thema (siehe Titel) drehten. 2015 folgte mit "Von Beruf Schriftsteller" eine große Essay-Sammlung mit biografischem Hintergrund (Sehr gelungen, um es noch einmal zu erwähnen). Folgt man diesem Muster, so musste nun wieder ein großer Roman her und wären damit zwar wieder beim Ausgangspunkt des ersten Absatzes, will ich mich hier aber Murakamis letztem Roman widmen.

"Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" haben bei der Leserschaft ähnlich wie bei Murakamis letztem kleineren Roman, "After Dark", gemischte Gefühle hinterlassen. Anders als bei dem Dreiteiler 1Q84 fehlte es vielen Lesern an Umfang und einer befriedigen Auflösung der Geschichte. Der Roman umfasst einige heikle Themen und erinnert stilistisch manchmal sogar ein wenig an "Naokos Lächeln". Murakamis Surrealismus würde in dieser Geschichte komplett abwesend sein. Befremdlich für viele Leser. Doch ist das wirklich so? Ist der Surrealismus komplett abwesend bei "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki"? Und hier muss ich widersprechen. Ich blicke sogar sehr positiv auf den Roman zurück. Hat mir 1Q84 zwar gefallen, war ich dennoch der Meinung, dass Murakamis sogenanntes Magnum Opus vielleicht sogar ein komplettes Buch zu lang war. Im Vergleich dazu ist die Geschichte von Tsukuru Tazaki relativ schnell auf den Punkt gebracht. Protagonist ist der Titelträger des Roman, Tsukuru Tazaki. Die Geschichte wird erneut nicht aus der Ich-Perspektive sondern aus der dritten Person erzählt (was den Roman vielleicht etwas unpersönlich macht, hätte der Ich-Erzähler, bekannt aus vielen anderen Geschichten von Murakami, hier vielleicht dem Leser mehr Einblick in den Charakter verschafft). Genau zwei Zeitstränge werden erzählt: Tsukuru Tazakis Jugend und Studienzeit und der 36 Jahre alte Tsukuru Tazaki aus der Gegenwart. Ohne die Erzählung der Vergangenheit wäre die Geschichte selbstverständlich sinnlos und so erfährt der Leser, wieso der unglückliche und farblose Herr Tazaki zu dem wurde, was er ist.
Im Mittelpunkt steht hier die enge Bindung einer Clique von Freunden, in deren Namen (japanische Schriftart) sich eine Farbe versteckt. Tsukuru hingegen ist der einzige der Clique, bei dessen Name dies nicht der Fall ist. Der Freundschaft tat dieser Fakt natürlich nie einen Abbruch. Eines Tages, aus heiterem Himmel, brechen Tsukurus Freunde jedoch den Kontakt zu ihm ab und schneiden ihn, ignorieren ihn, drohen ihm sogar. Einen Grund dafür erfuhr Tsukuru nie und irgendwann verließ er unglücklich seine Heimat Nagoya, um in Tokio zu studieren (Züge sind seine große Leidenschaft und er will eine Karriere als Ingenieur für Bahnhöfe einschlagen). Auch weit über eine Dekade nach diesem Vorfall hat diese Geschichte schwere mentale Schäden an dem schweigsamen jungen Mann hinterlassen. Mit Sara tritt eine Frau in Tsukurus Leben, die eine Bedingung an ihm für eine gemeinsame Zukunft stellt: Er muss in die Vergangenheit reisen und erfahren, wieso seine damaligen Freunde den Kontakt zu ihm abbrachen. Eine Pilgerreise des farblosen Herrn Tazaki in die Vergangenheit.

In die "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" beschränkt sich der Surrealismus und somit auch der "Magic Realism" auf Träume und den Erzählungen von Fumiaki Haida, der immer wieder den mysteriösen Herrn Midorikawa (der grüne Fluss) ins Spielt bringt. Doch für mich war es die ganze Zeit Haida, einer der wenigen Studienfreunde Tsukurus, der nicht minder spurlos aus seinem Leben verschwindet wie seine Freunde damals und somit für den Leser ein großes Rätsel hinterlässt, der von Murakamis typischen Surrealismus geprägt ist. Der kompletten Beziehung zwischen Tsukuru und Haida haften sehr surreale Züge an. Das gleiche gilt aber auch für die gesamte Auflösung der wahren Geschehnisse, wieso Tsukurus Freunde den Kontakt so eiskalt abbrachen. Eine exakte Wahrheit wird es nie geben, die Charaktere entwickeln sich mehr und mehr zu unzuverlässigen Erzählern die allesamt entweder die Unwahrheit sagen oder aber sich nicht mehr richtig erinnern können. Die größte Kontroverse des Romans was die Charaktere angeht besteht wohl in Sara, der Partnerin von Tsukuru, die ihn auf seine persönliche Pilgerreise schickt. Murakamis Frauen waren zuvor immer mysteriös, aber immer warmherzig und auf eine angenehme weise geheimnisvoll. Bei Sara ist bei mir während des Lesens dieses Gefühl nie angekommen. Stattdessen fand ich sie unterkühlt und nahm sie eher als einen unangenehmen Charakter wahr. Als sogenannter Schlüssel für Tsukurus Reise war sie für die Geschichte wohl unabdingbar (in einem Interview erwähnte Murakami einmal, es wäre Sara gewesen, ein fiktionaler Charakter, die ihn durch die gesamte Geschichte geführt hätte). Doch auch Saras wahre Motive bleiben letztendlich völlig im dunkeln, auch ihre Geschichte findet keine echte Auflösung, was ich aber eher als neutral betrachte.

"Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" ist insgesamt ein kurzweiliger Roman ohne Längen, allerdings nicht ganz ohne Macken. Tsukurus gesamter Aufenthalt in Skandinavien wirkt eher wie die Reise in ein Phantasieland und zusätzlich etwas gehetzt. Die gewollten Mysterien und unaufgelösten Plots fügen sich meiner Meinung nach relativ gut in das Gesamtwerk ein. Bis zum Ende war ich mit den Auflösungen mehr als zufrieden. Und so komme ich selbstverständlich nun zur nächsten Kontroverse, das Ende. Ist Sara ohne zweifel der kontroverseste Charakter, so dürfte das Ende für viele Leser natürlich ein ziemlicher Seitenhieb gewesen sein. Anstatt die Geschichte rund um Tsukuru und Sara zu einer Auflösung zu führen, verzichtet Murakami komplett darauf und lässt das Schicksal (und somit auch ein bevorstehender Freitod Tsukurus) völlig offen. Es ist auf einmal so, als hätte wer die Seiten des letzten Kapitel aus dem Buch gerissen und durch etwas völlig anderes ersetzt. In diesem Falle ersetzt durch einen Guide rund um das Thema Bahnhöfe und Züge. Murakami warf alles über Board und entschied sich dazu, den letzten Teil der Geschichte über Bahnhöfe und Züge zu schreiben. Ganz so drastisch war es natürlich nicht, denn trotz allem hat dieser ungeheure Themenwechsel noch immer was mit Tsukuru und somit auch der Geschichte zu tun. Wer Murakami liest muss häufig mal mit offenen Enden rechnen, nie aber mit einem Cliffhanger. Denn genau den hinterlässt der japanische Autor mit dem Ende von "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki".  Da die Geschichte rund um Tsukurus Vergangenheit größtenteils aufgelöst wird und der Leser über die wahren Hintergründe erfährt, so ist das Ende des Buches tatsächlich weniger bedeutend. Murakami hat seine Geschichte erzählt, wie es jedoch mit Tsukuru und Sara weitergeht ist nicht von großer Bedeutung. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob ihm an dieser Stelle nicht etwas besseres hätte einfallen können. Vielleicht ein weiterer Traum der die Geschichte um Haida und Midorikawa noch einmal aufgreift. Hier wäre sicher mehr möglich gewesen, dennoch bin ich über den allgemeinen Ausgang der Geschichte nicht zu enttäuscht, auch, wenn das Ende weiterhin eine große Kontroverse bleiben dürfte.

Insgesamt erinnere ich mich gerne an "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" zurück. Es ist eindeutig nicht der beste Roman von Haruki Murakami, allerdings ist es ein typisches Werk, was zeigt, dass der Autor niemandem mehr etwas beweisen muss. Murakami koppelt sich von einigen Elementen ab die man von ihm gewohnt war. Somit verschwindet ein bisschen von der Vertrautheit, die man in den Romanen zuvor gespürt hat (allerdings fehlte dieses wohlige Gefühl auch schon bei 1Q84). "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" ist ein kurzweiliger, geheimnisvoller Roman der ein ruhiges Tempo fährt und ohne irgendwelche spektakulären Höhepunkte auskommt. Ich war sehr dankbar dafür, dass Murakami nach 1Q84 einige Gänge zurückgeschaltet und sich wieder auf alte Stärken besinnt hat. In diesem Falle ist es die Erzählung einer bodenständigen Geschichte mit bodenständigen Charakteren ohne übersinnlichen Fähigkeiten. Wer mit diesen Erwartungen den Roman gelesen hat oder es noch vor hat, der wird auch nicht enttäuscht werden. Würde ich "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" noch einmal lesen? Ganz sicher.

Mittwoch, 10. Januar 2018

Japanuary Teil 1: Filme 1-4



Ein Blick auf die Startseite dürfte dem Besucher der Seite folgendes verdeutlichen: Im Januar dreht sich bei mir alles um Japan und Filme. Eine Grundlage, auf die dieser Blog auch aufgebaut wurde. Wie versprochen folgt nun mein erstes von zwei Specials zum Thema Japanuary. In diesem Beitrag werden die ersten 4 von 8 Filme kompakt besprochen. Viel Spaß!




1.


Pulse (2001)
Originaltitel: Kairo
Regie: Kiyoshi Kurosawa
Genre: Mystery, Horror, Science-Fiction
FSK: Ab 16



Kiyoshi Kurosawa (nicht verwandt mit Akira Kurosawa) ist ein herausragender Filmemacher, der mit relativ einfachen Mitteln in seinen Filmen menschliche Dramen in einen packenden Mystery-Horrorfilm verwandeln kann. Kurosawa ist in Japan auch heute noch ein beliebter Regisseur, der viele neue Filme veröffentlicht. Im Westen hingegen hat man Versuche, sein komplexes Filmwerk zu veröffentlichen, beinahe komplett eingestellt. In Deutschland hat es bisher nicht einmal Kurosawas vermutlich bekanntestes Werk aus dem Jahr 2001 auf Blu-ray zu uns geschafft, "Pulse". Im Jahr 2006 brachte seinerzeit Splendid den Film in Deutschland erstmals auf DVD. Bei der britischen Blu-ray von Arrow Video, die der Verleih vergangenes Jahr veröffentlicht hat, handelt es sich vermutlich um einen DVD to HD Upscale als um ein Remaster. Zwar ist Bild und Ton eine Steigerung zur DVD, eine Offenbarung wird man hier aber nicht finden. Das Bild ist durchweg von Filmkörnung geprägt, überzeugt weder in den Innen- noch Außenaufnahmen besonders und der Gelbstich, dem der Film schon immer anhaftete, ist präsenter als je zuvor. Vermutlich ist hier aber auch das im letzten Artikel von mir erwähnte japanische Filmmaterial schuld, was zu dieser Zeit alles andere als hochwertig war.

Doch nun zum Film. Der japanische Titel von Pulse lautet "Kairo". Damit ist nicht die ägyptische Hauptstadt gemeint sondern übersetzt bedeutet dies soviel wie "Schaltkreis". Denn die Technik ist es, die das zentrale Thema im Film bildet. Verglichen zur heutigen Zeit war das Internet im Jahr 2000/2001 noch alles andere als ein Alltagsgeschäft. Die Charaktere im Film wählen sich noch mit einem Modem ein, um das WWW betreten zu können. Das Internet wird also als etwas exotisches präsentiert, etwas, was noch als relativ argwöhnisch angesehen wird. Und so ist es auch das Internet, was im Film für seltsame Vorkommnisse sorgt, die letztendlich zum Ende der Welt führen (auch wenn darauf am Ende nicht weiter eingegangen wird, wie es weitergeht). Stilistisch verbindet der Film Arthouse mit Mystery und Horror, driftet in der zweiten Hälfte aber auch in Science-Fiction Gefilde ab. Außerhalb Japans wurde Pulse gerne mal als Klon von Filmen wie "The Ring" oder "The Grudge" beworben, hinkt dieser Vergleich jedoch, sobald man sich den Film anschaut. Kurosawa setzt auf ruhige Töne. Die Bedrohung im Film wird nie richtig erklärt. Viele der Charaktere gehen eher als berüchtigte unzuverlässige Erzähler durch, die die Zuschauer mit ihren eigenen Theorien über Geister und Jenseits verwirren wollen. Eine genaue Erklärung zu den unheimlichen Geschehnissen in Pulse wird es nämlich nicht geben. Auf die ruhige Gangart von Pulse muss man sich einlassen können. Schafft man es, sich in den Film hineinzuversetzen, bekommt man auch im Jahr 2018 noch einen zeitlos unheimlichen Film geboten der nachhaltigen Eindruck hinterlassen wird, und sehr zum nachdenken anregt. Bekannte japanische Gesellschaftskritik wie Einsamkeit, Isolation und Trauer ist eng mit dem Fortschritt der Technik verknüpft und Kiyoshi Kurosawa hat daraus ein beeindruckendes Gesamtpaket kreiert. Zurecht wurde Pulse viele Jahre später zu einem der einflussreichsten Horrorfilme aus Japan gekürt. Im Jahr 2006 folgte ein Remake aus den USA, welches von Presse und Zuschauer zerpflückt wurde und noch 2 Video-Fortsetzungen folgten.



2.



Loft (2005)
Originaltitel: Rofuto
Regie: Kyoshi Kurosawa
Genre: Mystery, Drama
FSK: Ab 12


Am ehesten kann man "Loft" mit Kurosawas TV-Spielfilm "Seance" aus dem Jahr 2000 vergleichen (ein wirklich sehr sehenswerter Film trotz des TV-Formats). Loft war nach Pulse Kurosawas zweiter Film der international sehr ordentlich vermarktet wurde. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen. Die Kritiken von Presse und Filmfans fiel aber weitestgehend ernüchternd aus. Bei meiner allerersten Sichtung des Filmes überhaupt vergangene Nacht kann ich mich der Kritik nur teilweise anschließen. Das größte Problem womit Loft zu kämpfen hat ist die relativ lange Laufzeit von 115 Minuten. Zu häufig gibt es Szenen, die stark in die länge gezogen wurden und in denen gar nichts passiert. Rund 10-15 Minuten an Ballast hätte man bei Loft abwerfen können, um den Film vielleicht etwas temporeicher zu machen. Aber genau das wäre nicht Kurosawas Stil. Langsam baut der Film Charaktere und Atmosphäre auf. Die Thematik des Films birgt eine menge an Potential und hat mir sehr gut gefallen. Übernatürliche Situationen gibt es in Loft dafür kaum. Viele der surrealen Szenen finden in Tagträume statt und die kryptische Erzählweise tut ihr übriges. An und für sich gesehen ist Loft aber weniger ein Horrorfilm als viel mehr ein gut durchdachtes Mystery-Drama. Die Geschichte um eine 2000 Jahre alte Mumie klingt auf dem Papier wesentlich kurioser als im Film tatsächlich umgesetzt. Kurosawa wählte eine perfekte ländliche Kulisse für den Film und hat einige sehr schöne Bilder eingefangen. Die allerletzten 20-30 Sekunden von Loft bescheren dem Zuschauer noch einmal ein Ende, welches definitiv in Erinnerung bleiben wird. Insgesamt hat mir Seance, der eine relativ ähnliche Thematik und den fast gleichen Stil besitzt, besser gefallen. Dennoch ist Loft durchaus sehenswert und kann durch seine Atmosphäre und einer schönen Cinematographie überzeugen.




3.


Suicide Circle (2001)
Originaltitel: Jisatsu sâkuru
Regie: Sion Sono
Genre: Independent Horrorfilm
FSK: Ab 18


Mit Suicide Circle von Sion Sono verbindet mich schon eine lange Geschichte. Ohne irgendwelche Vorkenntnisse bezüglich des Inhalts, sah ich den Film um 2003 herum mit ein paar Freunden im japanischen Original ohne Untertitel. Wir verstanden kein Wort und der Film war anders als alles, was wir je zuvor gesehen hatten. Trotz der Sprachbarriere übte der Film auf uns einen unglaublichen Reiz aus. Dafür waren überraschenderweise nicht einmal die teils drastisch blutrünstigen Szenen für verantwortlich. Es war der gesamte Film, der einfach alles so anders machte und somit diesen besagten Reiz ausübte. Für Regisseur Sion Sono, der sich in den vergangenen Jahren zu einen meiner liebsten Filmemacher mauserte, ist ein Film wie Suicide Circle keine Seltenheit. Eine ungewöhnliche Story verknüpft der Regisseur mit einzigartigen Charakteren. Bei Sion Sonos Filmen spielt außerdem ein origineller Soundtrack stets eine wichtige Rolle. In Suicide Circle wird dieser von der fiktiven Band "Dessart" dazugesteuert. Diese junge Idol Popgruppe scheint jedoch keine normale Mädchenband zu sein. Genau genommen scheinen sie der Drahtzieher einer Welle an mysteriösen Massenselbstmorden zu sein, die Japan in einem Zeitraum von 6 Tagen erwischt. Im Jahr 2005 brachte der deutsche Verleih I-On New Media den Film unzensiert nach Deutschland, was durchaus für eine Überraschung sorgte da Battle Royale zuvor mit ähnlicher Thematik mit großen Problemen in Deutschland zu kämpfen hatte (und erst seit einigen Monaten in Deutschland endlich unzensiert eine Freigabe besitzt). Bei meiner Sichtung von vor einigen Tagen bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass es bei Suicide Circle nichts ausmacht, ob es eine Sprachbarriere gibt oder nicht. Selbstverständlich sollte man den Film in einer Sprache schauen, die man versteht, aber zum Verständnis des Filmes wird auch die Muttersprache nichts beitragen. Ähnlich wie bei Kiyoshi Kurosawas "Pulse" erzählen die beiden Filmemacher aber eine relativ ähnliche Geschichte mit einer nahezu identischen Gesellschaftskritik. Genau wie auch der bereits erwähnte Battle Royale, entstanden alle 3 Filme in einem dicht angesiedelten Zeitraum von rund 2 Jahren. 
Suicide Circle hat auch jetzt noch nichts von seiner seltsamen Faszination auf mich eingebüßt. Für mich ein Beweis dafür, den Film als persönlichen modernen Klassiker nennen zu können.


4.


Tag (2015)
Originaltitel: Riaru onigokko
Regie: Sion Sono
Genre: Avantgardefilm
FSK: Ab 16



Was Marketing angeht, so war der deutsche Verleih I-On New Media noch nie wirklich auf der Höhe. Die Zielgruppe von "Tag" dürfte laut dem Verlieh dann bei Fans von japanischen Splatterfilmen im Stile von "Stacy" oder "The Machine Girl" liegen. Genau so etwas möchte man dann auch mit dem Cover ausdrücken was per se nicht schlecht ist, aber einen Film verspricht, den der Zuschauer am Ende nicht zu sehen bekommt. Auch verschweigt man auf dem Cover den Regisseur und auch nur irgendeine Bemerkung, dass es sich hier um eine unzensierte Fassung handelt, erschienen 90% aller japanischen Splatterfilme während des Booms (ab 2005 aufwärts) in Deutschland trotz 18er Freigabe ausschließlich stark gekürzt. Ein genauer Blick in die Datenbank der FSK verrät jedoch, dass Tag unzensiert für Zuschauer ab 16 Jahren freigegeben ist und die FSK 18 Freigabe vom Verleih künstlich erzwungen wurde. Doch auch darüber hinaus bekleckert man sich nicht mit Ruhm. Untertitel für den O-Ton gibt es nicht, die deutsche Vertonung kann als durchaus solide angesehen werden, wäre die deutsche Tonspur in Sachen Qualität nicht so ein Graus. Alles in Allem werden Fans des Regisseurs wohl nicht auf den Film aufmerksam wenn sie ihn im Geschäft sehen und die angepeilte Zielgruppe wird vermutlich maßlos enttäuscht sein.


Auch Tag habe ich mir vergangene Nacht angesehen und war mehr als angenehm überrascht. Genau wie Loft kein reinrassiger Horrorfilm ist, ist Tag kein Splatterfilm. Was nicht bedeutet, dass es im Film zimperlich zugeht (eine "echte" 18er Freigabe wäre gar nicht mal so eine Überraschung gewesen). Tag selbst kann man schlecht einem Genre zuordnen, daher wird man nichts falsch machen, den Film dem Genre Avantgardefilm zuzuordnen (dem sogenannten Experimentalfilm). Tag bietet von Horror, Drama bis hin zu Exploitation einfach alles, was die Filmwelt so hergibt. Der wirre Plot wird am Ende auf die nur denkbar absurdeste weise aufgelöst, so, dass der geneigte Zuschauer diese Auflösung für extrem logisch ansehen wird. Still habe ich mir gedacht: "Ja, genau so muss dieser Film enden. Etwas besseres hätte dem Regisseur und Autor nicht einfallen können". Die Absurdität am Ende als einzige logische Erklärung anzusehen ist etwas, was sich derzeit im japanischen Film nur Sion Sono leisten kann, ein Mann, der in keinem Genre so wirklich daheim ist und die Filmkunst eines Takashi Miike aus den 90ern und frühen 2000ern mehr als würdig fortsetzt. Das Zusammenspiel zwischen Story, Charaktere und Musik macht auch Tag zu einem harmonischen Gesamtwerk, was aber vermutlich nur eingefleischte Fans des Regisseurs zu schätzen wissen werden. Nach dem eher kommerziellen (aber nicht weniger abgedrehten) "Tokyo Tribe" kehrte Sion Sono mit Tag zu einem Film zurück, den wohl nur die wenigsten genießen werden. Aber damit war er bei mir mal wieder genau an der richtigen Adresse.








Und damit endet Teil 1 des Japanuary. Teil 2 mit den vier verbleibenden Filmen Ryuzo and the Seven Hechmen, Ran, Haze und Blade of the Immortal (diesmal somit auch von vier verschiedenen Filmemachern) folgt in einem neuen Post am 20.01.2018. Würde mich freuen, euch dann wieder hier begrüßen zu dürfen!

Freitag, 5. Januar 2018

Japanuary 2018: Die Auswahl




Obwohl ich Animationsfilme bereits aus meiner Auswahl ausgeschlossen habe, so war es immer noch schwer, mich für 8 japanische Filme zu entscheiden. In letzter Sekunde haben es somit "Frankensteins Monster im Kampf gegen Ghidora" und "The World of Kanako" leider nicht mehr auf meine Liste geschafft. Über meine Auswahl bin ich dennoch sehr zufrieden, da es sich hier um Titel handelt, die ich noch gar nicht gesehen habe, schon lange nicht mehr gesehen habe oder aber noch nie in HD gesehen habe.

Die Liste sieht also wie folgt aus (von links oben angefangen):

1: Pulse (Kiyoshi Kurosawa)
2: Loft (Kiyoshi Kurosawa)
3: Suicide Circle (Sion Sono)
4: Tag (Sion Sono)
5: Ryuzo and the Seven Henchmen (Takeshi Kitano)
6: Ran (Akira Kurosawa)
7: Haze (Shinya Tsukamoto)
8: Blade of the Immortal (Takashi Miike)

Was haben wir denn da? Viele Kurosawas, viele Sonos und nur ein einziger Film der vor dem Jahr 2000 entstanden ist. Tatsächlich waren die 90er der japanischen Filme geprägt von sehr experimentellen Filmen, die teilweise auf unglaublich schlechtem Filmmaterial gedreht wurden (und sich auch noch eine Zeit durch die 2000er zog). Natürlich ist dies nicht der Grund, wieso ich mich fast ausschließlich für Filme aus der 2000er Ära entschieden habe. Mit Miikes "Blade of the Immortal" ist sogar ein Film dabei, der brandneu ist und erst in einigen Tagen in Deutschland erscheint. Mit "Blade of the Immortal" werde ich also das Finale des Japanuary einleiten.

Wann wird denn nun über die Filme diskutiert? Auch da gab es in meinem letzten Beitrag ja schon eine Andeutung, allerdings war ich mir noch nicht sicher. Ich habe mich jedoch für die Variante mit 2 Blog-Einträgen entschieden, wo ich jeweils über 4 Filme schreiben werde (Reihenfolge ebenfalls von links oben nach rechts unten).

Termin? Teil 1 geht am 10 Januar Online. Der Termin für Teil 2 folgt, sobald Teil 1 Online ist.

Mittwoch, 3. Januar 2018

2018: Eine letzte Zugabe für "Am Meer ist es wärmer"



Liebe Leserinnen und Leser von "Am Meer ist es wärmer", ich hoffe, ihr habt alle einen berauschenden/entspannten/vollendeten Jahresausklang 2017 genossen. Der Jahreszyklus beginnt von neuem im kalten Januar. Als Januarkind habe ich leider die besondere Ehre, meinen Geburtstag zusammen mit Väterchen Frost zu feiern. Wichtig ist es jedoch, die ersten 2 Monate des Jahres unbeschadet zu überstehen. Zieht euch also weiterhin warm an, denn es soll ziemlich kalt werden!
Gerne würde ich sagen, auf meiner kleinen Insel bleibe ich davon verschont, aber man muss der Realität ins Auge blicken, so gerne ich hier bin, sie ist nur Fiktion ;(

Auch 2018 möchte ich weiter über besondere Werke aus den Bereichen Film und Literatur berichten. Ich habe noch die ein oder andere spezielle Idee, die ich gerne im laufe der Monate umsetzen möchte. Einen besonderen Fokus möchte ich in diesem Jahr auf japanische Filme legen. In einigen Tagen wird es zum Beispiel mit dem Japanuary losgehen. Doch soll es auch in den kommenden Monaten noch mehr zu diesem Thema hier zu lesen geben.

Aktuell sieht es so aus, als würde diesmal tatsächlich zum Ende des Jahres der letzte Vorhang für mein Blog-Projekt nach fast 8 Jahren fallen. Rückblickend hat das letzte Jahr sehr viel Kraft gekostet und fand mit dem Tod meines Vaters ende November einen bedrückenden Tiefpunkt. Dementsprechend möchte ich in diesem Jahr noch einmal alles raushauen, was meine Kreativität zu bieten hat und danach noch einmal über das erlebte resümieren. Doch bis dahin ist es noch einige Zeit hin und ich freue mich, wiederkehrende wie neue Leser begrüßen zu dürfen.

Bleibt gesund und geht die ersten Wochen des Jahres entspannt an!


Bis Bald,
Aufziehvogel

Samstag, 30. Dezember 2017

Der "Japanuary" auf "Am Meer ist es wärmer"




Das Team von "Abspanngucker""SchönerDenken""Kompednium des Unbehagens" sowie "Politik und Liebe" hatten diese wundervolle Idee bereits sein einiger Zeit, galt eine ganze Weile aber lediglich als berüchtigte Schnapsidee, die erst nach einer ganzen Weile zu einer zündenden Idee wurde. Die Idee dabei ist so simpel wie einfach umzusetzen. Man nehme den Monat Januar und die japanische Glückszahl 8. Anschließend sucht man sich 8 japanische Filme aus, sieht sie sich an und berichtet darüber. So etwas macht natürlich nur Sinn, wenn möglichst viele Filmfreunde mitmachen (derzeit 100 Teilnehmer und aufwärts), damit am Ende ein buntes Spektrum an verschiedensten Filmen und Genre des japanischen Films entsteht. Ob Blogger, Podcaster oder Filmfreunde jeglicher art die in den sozialen Netzwerken aktiv sind, je mehr, desto besser!

Selten war für mich ein Thema so zutreffend für "Am Meer ist es wärmer" wie der Japanuary. Da ich aktuell noch an der Auswahl der 8 Filme sitze, gibt es bis auf "Januar 2018" noch keinen festen Termin für meinen Beitrag bzw. Beiträge. Denn auch die art der Veröffentlichung steht noch aus, tendiere ich aber zu einem Zweiteiler wo je 4 Filme präsentiert und besprochen werden.

Obwohl die japanische Filmkunst auch Anime mit einschließt, so werde ich mich auf Live-Action Filme beschränken um mir die Auswahl nicht noch schwerer zu machen. Zu meiner Auswahl zählen neue Filme aber auch etliche Filme, die ich seit einer längeren Zeit nicht gesehen habe. Es wird also nicht an zu wenig Material scheitern. Schaut im Januar bei mir und den anderen Teilnehmern vorbei oder macht selbst mit. Einen Link zu den Veranstaltern findet ihr oben zu Beginn des Beitrags. Ein genauer Termin zu meiner Auswahl wird in den kommenden Tagen folgen.


Mehr zu finden auf Twitter unter: #Japanuary